Ein schwäbisch-alemannischer Beitrag von Felix Walz

Die Zeit zwischen der Junimitte (in Zeiten der durch die Mondphasen bestimmten Jahreszählung wahrscheinlich der Vollmond, der auch 2014 wieder zu diesen Tagen erscheint) und der Sommersonnenwende, stehen nach germanischer Sitte im süddeutschen Kulturraum unter dem Zeichen verschiedener vegetations-magischer Feiern und Ritualen, die mit dem Veitstag (15. Juni) beginnen und mit Peter & Paul (29.6.) ihren Abschluss finden.

Thor bekämpft die Riesen
Thorshammber Uwe H. Friese, Bremerhaven CC 2.0
Die Sommersonnenwende markiert als Zeitpunkt der nun wieder kürzer werdenden Tage den Übergang vom Sommer in die „Dunkle Jahreszeit“ und bildet in Form der Johannisnacht (24.6.) somit das Gegenstück zum Weihnachtsfest der Wintersonnenwende.

Im alten bäuerlichen Kalender markiert dieser Teil des Jahres den Übergang der Saatzeit (in der die Fruchtbarkeit eine zentrale Rolle spielt) zur Hagelzeit (in der die aufsprießende Saat vor Hagelschäden geschützt werden soll) – diese geht im Jahreskreis dann weiterhin in die Mittsommer- und Erntezeit über.

Auch hier zeigt sich in der vorchristlichen Religion und dem auf ihr aufbauenden europäischen Christentum die Sitte, diese Zusammenhänge aus Weltgesetz, rituellem Brauchtum und Naturkräften durch ein heiliges Wesen auszudrücken.

In den alten germanischen Vorstellungen des Wetterherrn spielt Donar (aus dem skandinavischen Norden als Thor bekannt) als Schützer vor dem Hagel hier eine sehr entscheidende Rolle.
Von seiner Verehrung zeugen noch die vielen Donnerstage im Kirchenjahr des Osterzyklus (u.a. Gründonnerstag, Himmelfahrt, Fronleichnam).
Ebendiesem Donar war die Eiche geweiht, die der Missionar Bonifatius im 8. Jahrhundert fällen ließ. An die Stelle Donars traten in späterer zeit kirchliche
Heilige: Petrus, der als Wasserfahrer und Torwächter die Himmelsschleusen zum Regen öffnete, und Veit, der Patron der Schmiede ist und wegen seines Namens („Vitus“) wahrscheinlich früher mit dem Wald („Widu“) in Verbindung gebracht wurde – es ist von daher wohl kein Zufall, dass sein Gedenktag auf dem Datum liegt, welches den Auftakt zu den Sonnwendfeiern bildet und das Sammeln des Holzes beginnt – dem 15. Juni.

~ Hälige* sanet Veit! ~                   Heiliger Sankt Veit
~ Schick uns e Scheit, ~                 Schick uns ein Scheit
~ E kurzs und e längs ~                  Ein kurzes und ein langes
~Zum Sümetsfuirtanz.* ~               Zum Sommerfeuertanz
Im katholischen Christentum wurden „Donner“-Petrus (der einen "Veit-Stoß" vollführen kann) und Vitus ("Veit", im Bild oben) zu den Erben und Ersatzheiligen des alten Wetterherrn Donar

 

Brachfest und Hagelfeiern
Nach Sankt Veit - wendet sich die ZeitMisteln an Silberbirke von Solipsist Creative commons

In älteren Zeiten, als die Monate noch nicht römisch-lateinische Namen trugen, wurde der heutige Juni als Brachmond (Brachet) bezeichnet. „Brach / brachen“ war im damaligen Sprachgebrauch ein Wort zum Pflügen und Bestellen der Felder – noch heute kennt man die „Brache“ oder das „Brachliegen“ des Feldes. Auf Brachmond folgten Heumond (Heuert) und Erntemond (Ernting).
Doch auch mit dem Wort „Brechen“ besteht ein Zusammenhang – was das für den Monat bedeutet, kann man nur vermuten. Die Gefahr des Hagelbrechens der Saat? Das Brechen des Holzes beim Sammeln für die Sonnwendfeuer? War es vermutlich hierbei, als Loki der Legende nach die Mistel pflückte – das einzige, das Baldur (Baldag), den Strahlenden, töten konnte, weil es weder ein Ding des Himmels noch der Erde war, und der für viele Menschen in der Johannisnacht der Sommersonnenwende mit dem längsten Tag des Jahres zu Grabe getragen und verbrannt wird?

So oder so ist die Zeit der germanischen Sonnenwende ähnlich der ihr gegenüberliegenden Weihnachtszeit eingebettet in einen großen Komplex verschiedener Feste und Rituale, die in christlicher Zeit mit katholischen Inhalten verbunden wurden, freilich mit einem größeren Fokus auf die Sonnwendnacht als Fest des Täufers.
Nicht weniger wichtig ist nach alter Sitte aber die Zeit der Vorbereitung, das Holzsammeln und Bitten um Hagelschutz, das nach germanischer Sitte unter dem Zeichen Donars steht. Da dessen Kult von der Kirche abgelehnt und insbesondere von Bonifatius samt der damit verbundenen Rituale bekämpft wurde, übernahmen Petrus und Vitus seine Aufgaben und die Verantwortung der mit ihm verbundenen Kräfte.
Holz und Bäume hatten daher auch zu dieser Zeit für die germanischen Völker eine besondere Bedeutung und noch heute werden nach Mai- und Pfingstbäumen noch Johannesbäume aufgestellt – sonst gewinnt der europäische Baumkult nur zur Weihnachtszeit wieder an Bedeutung. Die enge Beziehung zum Wald (Holz) zeigt sich auch in der Bedeutung der Pilze, die Veit nach dem Volksglauben mit seinem blinden weißen Pferd – hier dem germanischen Wodan nicht unähnlich – im Walde sät, und für deren Wachstum in Graz auch Pilgerfahrten zu St.Peter stattfinden.

Daher brennen und brannten in alter Tradition zwischen dem 15.6. und dem 29.6. in Süddeutschland die Sonnwendfeuer, heute meist auf den 21.6. oder 24.6. als zentrale Sonnenwende konzentriert. Besonders die Hagelfeiern des Brachet haben durch diesen Bezug zum Feuer (Holzsammeln), bäuerlicher Segen (Hagelschutz, Ehrung Donars), schamanistische Elemente („Veits“tanz, Pilze und psychoaktive Pflanzen, Ehrung der Schwammpilzgeister) und politische Höhepunkte (Thing-Versammlungen) eine ganz besondere vegetationsrituelle, spirituelle und gesellschaftliche Bedeutung.


Quellen: u.a.
Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens,
Ökumenisches Heiligenlexikon,
„Der Goldene Zweig“,
http://www.alte-kraft.de.ht/info_sommersonnwende.htm

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