Inanna/Ishtar und Dumuzi/ Tammuz – Fest der Gerstenernte und der Heiligen Hochzeit

Inanna – Dumuzi im sumerischen Mythos
Ab 3200 wurde in Sumer, Mesopotamien, die Keilschrift (Cuneiform) entwickelt
In dieser Zeit wurden die Götter Mesopotamiens vor allem als Versorger gesehen.  
Eine der großen Göttinnen jener Zeit war Inanna mit ihrem Hirtengemahl Dumuzi.
In seinem Ursprung war Dumuzi-Amauschumgalanna die Kraft der Fruchtbarkeit der Datteln und Inanna die Kraft des Lagerhauses. Allerdings scheint Inanna, deren Name „Herrin des Himmels“ bedeutet, diesen Aspekt von einer anderen Göttin, die auch als Gemahlin des Dumuzi genannt wird übernommen zu haben: Ninegal. Ihr Name „Herrin des großen Hauses“ erinnert sofort an ein Lagerhaus. Später erhielt sie auch die Bedeutung „Herrin des Palastes“. Datteln waren in Sumer eine sehr wichtige Nahrungsquelle. Im Oktober können diese geerntet werden und kommen in ein Lagerhaus. Möglich, dass hier im Oktober eine Art Heilige Hochzeit zur Ernte stattfand. Der Ursprung des Inanna-Dumuzi Zyklus ist demnach wahrscheinlich in einem Ninegal – Amauschumgalanna Zyklus zu finden, der später von Inanna und Dumuzi übernommen wurde. Eine weitere wichtige Gestalt ist Ninshubur, die „Königin des Ostens“ und Botin sowohl der Inanna, als auch der Ninegal. Ein zusätzlicher  Hinweis einer Übernahme bestimmter Aspekte der Göttin.
Der eigentlich berühmteste Text des Inanna-Zyklus, der „Abstieg der Inanna in die Unterwelt“, ist uns aus späterer Zeit bekannt, wird aber vom Ursprung her ungefähr ins 4. Jahrtausend vuZ datiert.

Im Text des Abstiegs der Inanna in die Unterwelt haben wir es mit drei sterbenden und wiederauferstehenden Gottheiten zu tun:
Dumuzi hier als Kraft der Gerste die zu Bier weiterverarbeitet wird. Sein Name bedeutet Dumu (Sohn) und Leben (Zi). Sein Name kann auch freier als „Same des Lebens“ oder „Sohn der Auferstehung“ übersetzt werden.
Geschtinanna als die Kraft der Rebe die zu Wein verarbeitet wird. Sie wird als Schwester des Dumuzi vorgestellt, was ihre mythologische Ähnlichkeit zeigt. Gerste wurde im Frühjahr geerntet während die Reben im Herbst geerntet wurden.
Als Bruder und Schwester wechseln sie sich in der Unterwelt ab. Ihr Schicksal wurde durch Inanna so bestimmt als Ersatz für sich selber. In diesem älteren Text ist es Inanna der nach der Unterwelt gelüstet. Der Grund dafür ist aus dem Text schwierig zu finden, da sie es dort aus einer Laune heraus zu tun scheint. Jacobsen macht einen vorsichtigen, doch meiner Meinung nach sehr schlüssigen Vorschlag, dass Inanna den „Tod“ des leeren Lagerhauses symbolisiert, wahrscheinlich die Zeit des Jahres in der die Nahrungsvorräte langsam knapp wurden. Ein Lagerhaus als großer leerer Raum erinnert nicht nur an eine Grabkammer, sondern auch an möglichen Nahrungsmangel und den Verhungerungstod. Die Kraft des Lagerhauses ist in dem Moment versiegt. Im Mythos geht Inanna in die Unterwelt und die Fruchtbarkeit des Landes kommt zu einem Halt. Enki, der Gott des Süßwassers, sorgt für ihre Wiederkehr indem er Wesen erschafft, die Verständnis für Ereshkigal, die Göttin der Unterwelt und Inannas Schwester (eigentlich genealogisch gesehen Großmutter) zeigen und die Wasser des Lebens bringen Inanna zurück. Möglich, dass Enki so die wiederkehrenden Regen im Frühjahr und die fruchtbaren Überflutungen durch den Euphrat und Tigris (die ungefähr zum Frühjahrsäquinoktium stattfanden) kennzeichnet. Die Wiederbelebung Inannas bedeutet aber auch den Tod Dumuzis, der als Gerste das Lagerhaus füllt.

Etwas Unklar ist die Verbindung zwischen Dumuzi und dem Hirtentum. In der Liebeslyrik zwischen Inanna und Dumuzi wird Dumuzi als der Hirte dargestellt und muss als solcher der jungen Göttin erst schmackhaft gemacht werden, denn sie favorisiert in einem anderen Text zunächst den Bauern. Tatsächlich wird Dumuzi als Kraft der Geste auch mehr mit dem Bauern in Verbindung gebracht. Evt. kam es hier durch eine kulturelle Veränderung zu einer Veränderung des Gottes, oder Übernahme zweier Aspekte. Dem Anschein nach fanden zur Gerstenernte auch Schlachtungen der Herden statt. In anderen Texten wird darauf hingewiesen, dass zu diesem Zeitpunkt auch die Geburt der ersten Lämmer stattfand. Dazu kommen wir in Bezug auf ein anderes Fest. Im 2. Teil der Artikelreihe wird noch einmal Bezug darauf genommen.
Jacobsen geht davon aus, dass verschiedene Formen des Gottes Dumuzi bekannt waren: Dumuzi als die Kraft der Datteln, Dumuzi der Gerstengott, Dumuzi der Hirtengott und er zählt noch einen evt. vorher unabhängigen Kult des Damu „göttliches Kind“ einer Gottheit die als Kind gesehen wurde und den Anstieg des Pflanzensaftes darstellt und eher ein Gott der Obstplantagen des unteren Euphrats war. Damu wurde als Dumuzi als Kind gesehen. Abschließend kann man sagen, dass Dumuzi in verschiedenen Formen die wachsende Vegetation in ihren vielen Formen darstellte und Inanna die Fruchtbarkeit an sich.

Weiterhin ist ein interessanter Brauch zu nennen, der in der Levante verbreitete war: Das Essen von Eiern während des Trauermahls zu ehren eines Verstorbenen. Hier steht das Ei symbolisch für die Auferstehung. Ich konnte leider keine genauen Quellen finden wann und wo dieser Brauch seinen Anfang fand, doch es könnte einen Hinweis darauf geben, dass auch bei den Feierlichkeiten um Tammuz / Dumuzi Eier rituell verzehrt wurden.

Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Feierlichkeiten um einen kompletten Festzyklus. Dabei ist nicht ganz klar, wann welches Fest stattfand. Einen Hinweis geben uns die Akiti-Neujahrsfeste

Die Akiti – Neujahrsfeste
Das Ursprüngliche Neujahrsfest war Akiti-schununum, das Fest der Gerstenaussaat. Es wurde im Monat Taschritu (September – Oktober) gefeiert. Akiti-Schekinku war dagegen ein paralleles Neujahrsfest, das im sumerischen Monat Nesag (akkadisch Nisannu) von März-April erfolgte. Dieses Fest wurde vor allem in Uruk, einer der ältesten sumerischen Städte und nicht weit von Ur entfernt gefeiert. Ich habe aus dieser Zeit wenige Informationen über den Hergang des Festes gefunden. Es gab Prozessionen. In den Texten wird vor allem die Rückkehr der Inanna gefeiert, da mit ihr die Fruchtbarkeit allgemein zurückkehrt. Da es sich dabei um ein Erstlingsgaben-Fest handelt gab es sicherlich auch Riten (Tanz, Prozession, Opferung, etc.) um die erste Garbe. Die beiden Akiti – Feste verbinden sehr schön die Äquinoktien. Durch die Dattelernte im Oktober, könnte hier der Verbindungspunkt zur Verschmelzung Amauschumgalanna mit Dumuzi sein.
Ab der babylonischen Zeit (2. Jahrtausend vuZ) wurde nur noch Nisannu-Akitu gefeiert.
Auch eine Heilige Hochzeit ist Teil der Feierlichkeiten. Zu sumerischen Zeiten fand dieses nach Frymer-Kensky mit realen Personen (Priestern und Priesterinnen wahrscheinlich) statt. Zu späteren Zeiten wurden nur noch Statuen benutzt. Anhand der Quellen konnte ich nicht herausfinden wann dieser Wechsel von realen Personen auf Statuen stattfand.

Ishtar und Tammuz zur akkadischen Zeit
Im späten 3. Jahrtausend wurde das Land unter Sargon von Akkad vereint (2371 – 2191 vuZ) und es wird vom akkadischen Reich gesprochen. 
In dieser Zeit wird das Universum immer männlicher. Im Übergang vom Gemeinschaftsrat als Regierungsgremium zum Königtum wurden Frauen um 2600 vuZ aus der regierenden Gruppe ausgeschlossen. Um 2400 – 2300 waren die Priesterinnen in ihren Rechten beschnitten worden und ein dominanter Gott hielt den religiösen Vorstand.
Inanna wird hier zur Ishtar und Dumuzi zu Tammuz (Damasi ausgesprochen). Tammuz erhält teilweise den Titel „Retter“, was aber unklar ist, ob dieser Titel nicht auch schon für Dumuzi in Gebrauch war.

Ishtar und Tammuz zur altbabylonischen Zeit
Im 2. Jahrtausend wurden die Götter vor allem als Eltern verstanden.
Hammurabi (1728 – 1686) entwickelte den Codex Hammurabi und brachte damit große religiöse und Gesellschaftliche Veränderungen mit sich. Vor allem beschnitt der Codex Hammurabi sehr stark die Rechte der Frauen. Um 1500 wurden die Priesterinnen durch Priester ersetzt. Babylon wurde die Hauptstadt des Reiches und mit ihr wurde Marduk, der babylonische Stadtgott, der allerdings nicht ursprünglich aus Mesopotamien stammt, immer mächtiger. Marduk ist der erste Drachentöter, der Tiamat, die große Göttermutter tötet. Ein neuer Schöpfungsmythos setzt sich durch und ist uns als Enuma Elish erhalten geblieben. Wahrscheinlich wird im Zuge dessen das Akitu-Fest geändert. Was Ishtar und Tammuz angeht ist der Mythos noch bekannt, allerdings ist es unklar wie er im Festzyklus eingebunden wurde. Aus dieser Zeit ist uns allerdings bekannt, dass auch ein Ritual mit Ishtars heiligem Himmelsstier stattfand (5. Tag). Am 10. Tag des Festes kommt es zur Heiligen Hochzeit zwischen dem König und der Statue (!) der Göttin Ishtar. Hier wird das Ritual bereits mehr als eine Bestätigung der Königswürde gesehen, als zur Erhaltung der Fruchtbarkeit.

Tammuz und Ishtar in der Bibel
Die Bibel liefert uns noch einen Hinweis auf die Festlichkeiten des Tammuz und der Ishtar. Unklar ist, ob diese in Kanaan durchgeführt wurden oder in Mesopotamien, oder ob es zum Akitu-Staatskult noch Parallele Feierlichkeiten gab. Andererseits ist durchaus möglich, dass der Festzyklus von anderen Reichen übernommen wurde.
In Ezechiel 8 Vers 14 wird auf Frauen Bezug genommen, die um Tammuz weinen und in Vers 16 wird auf die Verehrung in Richtung Osten hingewiesen. Es ist klar, dass es sich hier um eine Verehrung des Sonnenaufgangs handeln muss, denn genau dann befindet sich die Sonne im Osten. Ezechiel, der einer priesterlichen Familie entstammte, gehörte zu jenen, die 597 vuZ von König Nebukadnezar in die babylonische Verbannung geführt wurden. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind diese Riten bereits schon mindestens zur akkadischen Zeit befolgt worden. Den Hinweis auf Osten haben wir bereits aus Sumer durch die Botin Ninshubur (Königin des Ostens) erhalten

Fazit:
Ursprünglich handelte es sich bei den Feierlichkeiten von Inanna/Ishtar  und Dumuzi/Tammuz um einen Festzyklus, der an verschiedenen Punkten im Jahr gefeiert wurde. Die Gerstenernte und Heilige Hochzeit zwischen Inanna und Dumuzi fiel auf die Zeit um das Frühjahrsäquinoktium, das später als Jahresanfang gesehen wurde. Der genaue Ablauf des Zyklus wurde im Laufe der Zeit den kulturellen Veränderungen angepasst. Der Rückkehr der Fruchtbarkeit mit der Rückkehr Ishtar’s aus der Unterwelt kam eine große Bedeutung zu, da Ishtar die Kraft der Fruchtbarkeit selbst symbolisierte, ohne die es keine Fruchtbarkeit auf Erden gab. Auch handelt es sich hier um Auferstehende (vegetations-) Gottheiten, einige erleben ihre Wiederauferstehung sogar zum Frühjahrsäquinoktium. Der männliche „Hauptcharakter“ des Festzyklus kennt auch eine Verehrung als göttliches Kind.
Belegt ist die Bedeutung der Himmelsrichtung Osten, Verehrung des Sonnenaufgangs, Weinen um Tammuz, Heilige Hochzeit, Gerstenernte, Feier der Fruchtbarkeit, rituelle Tänze, Gesänge, Gebete, Prozessionen, Auferstehung, Eier als Trauermahl Symbol für Fruchtbarkeit.

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