Nanna’s Verwandlungen und das Neujahrsfest
Eine besondere Bedeutung kommt der sumerischen Mondgottheit Nanna zu. Interessanterweise handelt es sich hier um eine Gottheit die männlich und weiblich sein kann. Hinweise auf eine komplett weibliche Variante sind bisher nicht zu finden, was aber nicht bedeutet, dass diese Möglichkeit deshalb ausgeschlossen werden muss. Allerdings erging es Nanna im Zuge der Vermännlichung ähnlich wie der Sonnengöttin Shamash, die im 3. Jahrtausend  männlich wurde.  Nach der akkadischen Vereinigung unter Sargon (2371 – 2191 vuZ) wird Nana zu Sin und nur noch männlich gesehen. Im 2. Jahrtausend vuZ taucht die weibliche Nana als Tochter des Mondgottes Sin (der spätere Name Nannas) wieder auf und verbreitete sich erneut. Sie wurde gelegentlich sogar mit Nisaba, der Göttin der Schrift, die Nabu den Platz räumen musste, gleichgesetzt. Im Tempel Esagila, dem bekanntesten Tempel zu Ehren Marduks besaß sie einen eigenen Schrein. In Persien wurde sie mit Anahita gleichgesetzt und später mit Artemis. Als Mondgottheit handelt es sich hier um eine Gottheit, die ebenso Tod und Wiederauferstehung kennt.

Das Akitu-Neujahrsfest in Ur
In Ur war das Akitu-Neujahrsfest ein Fest zu Ehren von Nana, das zum Frühjahrsäquinoktium stattfand. Das Hauptthema war der Einzug der Mondgottheit Nanna in ihre Stadt. Der Einzug wurde auch durch den wachsenden Mond symbolisiert. Aufgrund der Verbindung des wachsenden Mondes mit dem Körper der Frau gehe ich persönlich davon aus, dass im Beginn hier vor allem die weibliche Form der Gottheit geehrt wurde und womöglich der Vollmond (die volle Kraft des Mondes) das Datum des Einzugs darstellte. Deshalb könnte ich mir auch vorstellen, dass dieses Fest zum ersten Vollmond nach dem Frühjahrsäquinoktium stattfand. Als Fest einer Mondgottheit wäre es logisch, dass der Mond einen besonderen Stand (Neumond oder Vollmond) haben sollte für das Fest.
Die Statue der Gottheit (die auch die Gottheit selbst verkörperte und ursprünglich evt. wie bei der Heiligen Hochzeit auch durch einen Priester dargestellt wurde) verließ in einer kleinen Prozession die Stadt um für eine gewisse Zeit im speziell gebauten Akitu-Haus zu leben. Dann kehrte sie mit einer sehr großen Prozession zurück in die Stadt, setzte die Administration der Stadt wieder ein beschloss durch Orakel das Schicksal der Stadt für das neue Jahr. Nanna erreichte die Stadt über Wasser in ihrem Mond-Rundboot. Da in Mesopotamien die Mondsichel waagrecht am Himmel zu sehen ist, wird der Mond auch mit den Hörner eines Stieres, einem Bogen und eben einem Rundboot in Verbindung gebracht.

Nana’s Reise nach Nippur
Später wurde das Fest von Nippur, dem religiösen Zentrum Sumers übernommen. Hier fanden in soweit Veränderungen statt, als dass Enlil, der Hauptgott von Nippur Einzug hielt. Schließlich übernahm fast jede Stadt dieses Fest als Anlass den Einzug der Hauptgottheit der Stadt szenisch zu wiederholen.  
Durch den Mythos „Nana’s Reise nach Nippur“ zeigt sich auch, dass das Akitu-Fest mit der Fruchtbarkeit in Verbindung steht. Jedes Jahr segelt Nana mit seinem Himmelsboot voller Tiere und Ernteerträge nach Nippur. Dabei hält er bei allen Städten und wird von den dortigen Königen gegrüßt, bis er schließlich Nippur, Stadt des Enlil, seines Vaters erreicht. Unklar ist, ob dies im Anschluss an das Akitu-Fest stattfand oder zu einem anderen Zeitpunkt. Es könnte auch als Erklärung dienen, warum andere Städte den Brauch des Einzugs ebenfalls übernommen haben. Es könnte aber auch einfach Nippur als religiöses Zentrum Sumers stärken. Ich gehe aber aufgrund der Verbindung hier mit der Fruchtbarkeit davon aus, dass im ursprünglichen Neujahrsfest ebenso Hinweise auf die Fruchtbarkeit die mit dem Einzug kommt Bezug genommen wird.

Nana und der Mondstier
Dass der Himmelsstier ein Symbol der Nana ist, wurde schon vorher berichtet. So wird Nana in die Näher einer sehr ursprünglichen Göttin gerückt, die der Beschreibung von Joseph Campbell mit der Kosmischen Mutter als Himmelskuh sehr nahe kommt. Meiner Meinung nach könnte dies ein Hinweis auf die oben diskutierte rein weibliche Form der Nana sein.  Interessanterweise wird die spätere Herrin des Himmelsstieres, die Göttin Inanna, Tochter des Nana (männlich) und der Ningal (Mondgöttin, Gattin der Nana). Aus der Zeit des 3. Jahrtausend stammt auch ein Terrakotta-Relief, das den Mondstier zeigt. Dieser erwacht immer wieder zum Leben und wird immer wieder von einem löwenköpfigen Sonnenadler verzehrt. Seine Vorderhufe ruhen auf einer auffallenden Form, die wie die späteren kretischen Weihehörner aussehen. Ähnliche Hörner werden auch auf Altären im Asherahkult gefunden. Die Vorderhufe des Stieres befinden sich auf einem Berg, der den Mystischen Urberg Ki – Die Erdgöttin – darstellt. Dies zeigt deutlich, dass der Mondkult zu dieser Zeit noch ein wichtiges Element war und trotz der stattfindenden Vermännlichung des Universums gewisse sehr ursprüngliche Elemente Parallel noch vorhanden waren. Es ist wichtig zu wissen, dass in diesen wärmeren Regionen die Sonne gefährlich war und der Mond das wichtige Tauwasser brachte und so mit der Fruchtbarkeit der Erde in Verbindung stand.

Der Mondkult in Kanaan
Das Land Kanaan war im fruchtbaren Halbmond das kleinste Gebiet und lag strategisch in der Mitte, indem es die beiden großen Nachbarn Ägypten und Mesopotamien miteinander verbindet. So wurde Kanaan häufig von unterschiedlichen Mächten erobert.
In der Mitte des 2. Jahrtausend vuZ ging die kanaanitische Kultur schließlich unter und es entwickelten sich neue Kulturen: Phönizier und Israeliten.
Jenny Kien konnte aufzeigen, dass 3000 – 2800 vuZ, als der Mondkult in Ur und Harran dominant war, Abraham und Sarah den Mondkult nach Kanaan brachten. Sie stellt auch die interessante Hypothese auf, dass Sarah und Abraham die Göttin und der Gott selbst seien. Tatsächlich ist die zu dieser Zeit in Ur und Harran dominante Mondgöttin die weibliche Nana. Die Autorin geht davon aus, dass Nana mit Asherah und Sin sich mit El verband. Wichtig dazu ist die Tatsache, dass sie somit wahrscheinlich auch das Fest der Nana nach Kanaan brachten. Auch der Ishtar-Kult war zu Salomos Zeiten und später verbreitet und der berühmte König Salomo hatte einen Asherah-Kultpfahl im Tempel aufstellen lassen.  


Fazit
Es zeigt sich ein Mondkult mit einem Fruchtbarkeitsfest zum Äquinoktium. Die Mondgottheit hält nach einer Zeit der Abwesenheit Einzug in die zu schützende Stadt und bringt die Fruchtbarkeit mit sich. Sie steht mit einem Mond-Himmelsstier in Verbindung. Ihr Ehrenfest ist eindeutig der Vorläufer des späteren Akitu-Festes in Babylonien zu Ehren des Gottes Marduk.

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