Schöpfungsspiritualität

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29 Nov 2008 17:31 #7690 von Martin
Schöpfungsspiritualität wurde erstellt von Martin
Ich wollte mal rumfragen, inwieweit euch die Namen "Matthew Fox" und "Schöpfungsspiritualität" geläufig sind. Denke, dass dieses Thema grade für jene unter euch interessant sein könnte, die auch den naturreligiösen Aspekten nicht spezifisch heidnischer Spiritualität gegenüber offen sind:

Bei der Schöpfungsspiritualität (engl. Creation Spirituality) handelt es sich um eine schöpfungszentrierte - also letztlich naturreligiöse - Bewegung, die u.a. von dem kalifornischen Priester und Theologen Matthew Fox propagiert wird. Der gute Mann ist heute Anglikaner, war früher einmal Katholik und Dominikanermönch, bevor er anfangs der 90er Jahre wegen häretischer Lehren aus der katholischen Kirche rausgemobbt wurde. Übrigens auf persönliches Bestreben eines gewissen Kardinal Joseph Ratzinger, der damals der Chef der Glaubenskongregation war, also der direkten Nachfolgeinstitution der Heiligen Inquisition.

Creation Spirituality unterscheidet sich vom Mainstream-Christentum in einigen zentralen Aspekten:

-Der Gottesbegriff wird panentheistisch definiert, nicht monotheistisch, d.h. dass die Welt als ein unabtrennbarer Bestandteil des Göttlichen aufgefasst wird, eine Manifestation göttlicher Energie. Es besteht eine grundlegende Einheit von Gott, Mensch und Natur. Die Vorstellung eines rein transzendenten personalen Schöpfergottes wird nicht vertreten.

-Die augustinische Idee der Erbsünde/Ursünde (original sin) wird in der Schöpfungsspiritualität mit dem Konzept des "Ursegens" (original blessing) kontrastiert. Die Natur - und somit auch die menschliche Natur - ist als Manifestation des Göttlichen prinzipiell als heilig und gut zu betrachten. "Sünde" wird eher als Entfremdung vom Göttlichen (und ganz besonders als Entfremdung von der Natur) definiert und nicht als Verstoß gegen irgendwelche angeblichen göttlichen Gebote und Verbote.

-Die weibliche, mütterliche Seite des Göttlichen wird stark betont. Gott als Göttin und Mutter allen Seins zu betrachten, ist in der Creation Spirituality weit verbreitet. Fox beruft sich dabei auch auf verschiedene katholische Mystiker des Hochmittelalters wie Juliana von Norwich, Meister Eckhart und Hildegard von Bingen, die ebenfalls immer wieder auf explizit weibliche Sprache und Symbolik zurückgriffen, um ihre Erfahrungen mit dem Göttlichen zu kommunizieren.

-Der generelle Ansatz von Creation Spirituality ist nicht einseitig christlich, sondern transkonfessionell. Fox bezieht diverse Elemente aus anderen Religionen (Zen, Taoismus, Sufismus, Göttinnenspiritualität) in sein Werk mit ein und betont, dass er sich eine Verlagerung von klassisch konfessionellen Trennlinien (z.B. christlich/heidnisch) hin zu einer neuen Abgrenzung "schöpfungszentriert/nicht-schöpfungszentriert" bzw. "naturreligiös/nicht-naturreligiös" wünscht.

Interessant finde ich auch, dass er bereits seit Jahrzehnten mit der in der Heidenszene wohl landläufig bekannten Miriam Simos kooperiert, die u.a. heidnische Kreistänze an seinem Institut unterrichtet. Fox´s Nähe zu Heiden und Hexen war wohl auch damals einer der Hauptkritikpunkte Ratzingers, der schließlich zu Fox´s Ausschluss aus Dominikanerorden und Kirche führte (neben anderen ketzerischen "Monströsitäten" wie z.B. der Tatsache, dass er Gott seine Mutter nennt und sich weigert, Homosexualität zu verurteilen).

Ich hatte mal Gelegenheit, einen Vortrag von Matthew Fox in Dublin zu besuchen, auf dem er in diesem Kontext äußerte, er würde sich zwar nach wie vor als christlich betrachten, aber in vieler Hinsicht heidnischen Menschen näher stehen, als den dogmatisierten Strömungen seiner christlichen Muttertradition.

Die Verleugner des Irdischen (und Erdigen) und Vergewaltiger des Planeten sollten sich also in Zukunft vorsehen: Die naturreligiöse Front verdichtet sich und beschränkt sich längst nicht mehr nur auf ein paar hippy-esque Randgrüppchen.

Liebe Grüße, Martinito

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30 Nov 2008 09:23 #7693 von Waldkauz
Hmm...das ist sehr interessant und ich habe die Sache mit Matthew Fox und Starhawk (Miriam Simos) auch schon gehört.

Was ich nicht ganz verstehe ist, wie Panentheismus mit dem Begriff 'Schöpfung' zusammenhängt. Bedeutet 'Schöpfung' nicht, dass alles von einem außenstehenden Gott geschaffen wurde? Ist Matthew Fox also ein Creationist? ???

Wenn ich die Natur als etwas von einem Gott geschaffenem betrachte, kann sie dadurch natürlich zu etwas heiligem werden. Auf der anderen Seite kann ich jedoch auch ohne Schöpfungsglaube naturreligiös sein, als Pantheistin ist für mich die Natur an sich göttlich und heilig, sie braucht nicht erst von Gott/Göttern geschaffen worden sein. Ich glaube eher, dass das Universum irgendwie aus sich heraus entstanden ist und die Götter sich quasi damit selbst geboren haben.

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30 Nov 2008 13:22 #7694 von Ialokin
Hi Martinito :-)

Find ich einen interessanten Beitrag! Der Name Matthew Fox kommt mir zwar vage bekannt vor, aber ich wußte nicht, was der tut.

Besonders die Geschichte mit Ursegen statt Erbsünde ist mir sympathisch. Panentheismus sowieso.
Daß er etwas mit Starhawk zusammen macht, war mir auch neu.

*wink*
Ialokin

Die Liebe zu schenken, den Zauber zu wecken, das Leben zu feiern - das ist unser Sinn.

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30 Nov 2008 16:26 - 30 Nov 2008 17:39 #7695 von Martin
Hi Waldkauz,

nein, also ein Kreationist im Sinne von "jemand, der Evolution oder wissenschaftliche Weltentstehungstheorien verleugnet" ist Matthew Fox sicher nicht. Eher das Gegenteil ist der Fall. Ich denke, dass ist auch der Grund, weshalb Creation Spirituality im deutschen meist entsprechend übersetzt wird, eben weil hierzulande, da schnell falsche Assoziationsketten mit Kreationismus hochkommen.

Mit Schöpfung ist in dem Kontext nicht ein einmaliger geschichtlicher Akt gemeint, in dem ein außenstehender personaler Gott das Universum quasi aus dem Nichts herbeizaubert, sondern "Schöpfung" wird hier vielmehr als Synonym für die Gesamtheit des manifesten Universums gebraucht (häufig also auch gleichbedeutend mit "Natur" oder "alle greifbaren Dinge" ).

Das Göttliche ist im Panentheismus oft (wenn auch nicht immer) etwas eher transpersonales: eben alles, was überhaupt existiert, der Urgrund allen Seins, analog zu dem, was z.B. die fernöstlichen Religionen "Leere" oder "Brahman" nennen (bzw. analog zu dem, was Hermetik und Neuplatonismus das "Eine" nennen, um mal hier im Westen zu bleiben).

Wenn das Göttliche essentiell gesehen einfach ALLES ist, dann ist es natürlich logisch, dass nichts außerhalb oder losgelöst vom Göttlichen existieren kann. Das gesamte Universum muss also zwangsweise eins mit dem Göttlichen sein, alle manifesten Dinge sind bildlich gesprochen wie Wellen auf dem Ozean des allumfassenden Einen. Es handelt sich hier also um ein non-dualistisches Weltbild, was letzten Endes nur sehr schwer von dem von dir erwähnten "Pantheismus" abzugrenzen ist.

Gerade dein letzter Satz mit dem "aus sich selbst heraus entstanden" trifft es also ziemlich haargenau, wie in der Schöpfungsspiritualität die Weltentstehung verstanden wird.

Ich denke, der Hauptunterschied zum Pantheismus liegt darin, dass die Welt zwar eins mit dem Göttlichen ist, das Göttliche selbst aber eben noch größer ist als die Welt und über sie hinaus geht. Die Gefahr beim Pantheismus ist ja immer schon gewesen, dass er auch schnell rein materialistisch interpretiert werden kann, um dann zu so einer Art Ersatzreligion für naturliebende Atheisten zu werden.

Was ich hier sage, gilt aber eben nur für die spezifische Variante des Panentheismus, wie sie von Matthew Fox vertreten wird. Es gibt durchaus auch andere Varianten, z.B. in der orthodoxen Kirche, wo nach wie vor auf einer Zweiheit von Gott und Welt, Geist und Materie usw. beharrt wird. Das ist aber eben nicht typisch für die Schöpfungsspiritualität.

Ok, ist mal wieder vielviel länger geworden, als ich eigentlich wollte. Hoffe, es ist trotzdem halbwegs übersichtlich geblieben.

Grüße, Martin
Letzte Änderung: 30 Nov 2008 17:39 von Martin.

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30 Nov 2008 17:57 #7696 von Martin
Hi, nochmal ich.

Jetzt habe ich doch vor lauter Gefasel fast vergessen, den zweiten (und vielleicht noch viel wichtigeren) Aspekt zu erwähnen, der dem Begriff "Schöpfung" in der Schöpfungsspiritualität zukommt.

Es handelt sich dabei (wie oben schon erwähnt) eben nicht um einen einmaligen "Zauber"-Akt eines personalen Schöpfergottes, sondern vielmehr um einen prozesshaften Ablauf, bei dem das Göttliche das Weltliche gewissermaßen andauernd und in jedem Augenblick aufs Neue aus sich selbst heraus hervorbringt. Deshalb auch das Symbolbild vom mütterlichen, gebärenden Charakter des Göttlichen. (Ich denke, Fox hat da sowohl Elemente aus Pandea/Göttinnenspiritualität wie auch aus der Prozesstheologie nach Alfred North Whitehead aufgegriffen und verarbeitet)

In einem seiner Bücher erwähnt Fox auch eine Anektdote von irgendeinem Theologen (an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnere), der auf die Frage, was Gott denn den ganzen Tag so mache, antwortet "She is constantly giving birth to the universe".

Und nach noch mehr Gefasel verbleibe ich,
Euer Martinito ;-)

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30 Nov 2008 20:12 #7697 von Martin
Hi, nochmal ich.

Jetzt habe ich doch vor lauter Gefasel fast vergessen, den zweiten (und vielleicht noch viel wichtigeren) Aspekt zu erwähnen, der dem Begriff "Schöpfung" in der Schöpfungsspiritualität zukommt.

Es handelt sich dabei (wie oben schon erwähnt) eben nicht um einen einmaligen "Zauber"-Akt eines personalen Schöpfergottes, sondern vielmehr um einen prozesshaften Ablauf, bei dem das Göttliche das Weltliche gewissermaßen andauernd und in jedem Augenblick aufs Neue aus sich selbst heraus hervorbringt. Deshalb auch das Symbolbild vom mütterlichen, gebärenden Charakter des Göttlichen. (Ich denke, Fox hat da sowohl Elemente aus Pandea/Göttinnenspiritualität wie auch aus der Prozesstheologie nach Alfred North Whitehead aufgegriffen und verarbeitet)

In einem seiner Bücher erwähnt Fox auch eine Anektdote von irgendeinem Theologen (an dessen Namen ich mich leider nicht mehr erinnere), der auf die Frage, was Gott denn den ganzen Tag so mache, antwortet "She is constantly giving birth to the universe".

Und nach noch mehr Gefasel verbleibe ich,
Euer Martinito ;-)

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02 Dez 2008 12:01 #7702 von Nivien
Hallo Martinito,

sehr interessant! Du erinnerst mich daran, dass ich unbedingt ein Buch von Fox lesen wollte - bisher habe ich es noch nicht geschafft ;)

Ich interessiere mich schon sehr für die Überschneidungspunkte zwischen den Religionen, oder vielleicht besser gesagt, für die Grenzgänger, die sich in dem Niemandsland "dazwischen" bewegen.

Schön Deine Aussage, daß "Naturreligiosität" nicht nur im modernen Heidentum anzutreffen ist. :)

Hat Fox auch Berührungspunkte zur Tiefenökologie?
Welches Buch von ihm würdest Du zum Einstieg empfehlen?

danke für die Anregung
und liebe Grüße
Nivien

Jede gute Sache ist scharf. (Gurdijeff)

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02 Dez 2008 13:04 #7703 von Waldkauz
Martinito schrieb:

Mit Schöpfung ist in dem Kontext nicht ein einmaliger geschichtlicher Akt gemeint, in dem ein außenstehender personaler Gott das Universum quasi aus dem Nichts herbeizaubert, sondern "Schöpfung" wird hier vielmehr als Synonym für die Gesamtheit des manifesten Universums gebraucht (häufig also auch gleichbedeutend mit "Natur" oder "alle greifbaren Dinge" ).

Danke, ich glaube, ich verstehe es jetzt besser, finde den Begriff allerdings irreführend, da für mich 'gebären' oder 'entstehen' einfach grundlegend verschieden von 'schaffen' ist. Es müsste sich also meiner Meinung nach um 'Geburtsspiritualität' oder 'Entstehungsspiritualität' handeln und nicht um 'Schöpfungsspiritualität'. Allerdings hört sich 'Schöpfungsspiritualität' besser an. :lol:

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03 Dez 2008 18:02 - 03 Dez 2008 18:03 #7704 von Martin
@Nivien: Ob Fox Berührungspunkte zur Tiefenökologie weiss ich jetzt nicht mit Sicherheit...nur, dass er eben den ganzen Nachhaltigskeitsgedanken und die Einheit zwischen Mensch und Natur stark betont. Falls du eines seiner Bücher lesen willst, würd ich dir als Einstieg "Original Blessing" empfehlen, das gibt´s glaub ich auch auf Deutsch, hab aber leider den Titel vergessen.

@Waldkauz:

finde den Begriff allerdings irreführend, da für mich 'gebären' oder 'entstehen' einfach grundlegend verschieden von 'schaffen' ist. Es müsste sich also meiner Meinung nach um 'Geburtsspiritualität' oder 'Entstehungsspiritualität' handeln

Stimmt schon, logisch betrachtet...ich vermute mal, dass Fox´s Vokabular in der Hinsicht wohl einfach ein Zugeständnis an seinen christlichen Background ist.

Grüße, Martin
Letzte Änderung: 03 Dez 2008 18:03 von Martin.

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06 Dez 2008 17:55 #7706 von Ialokin
Hallo Waldkauz :-)

> Danke, ich glaube, ich verstehe es jetzt besser,
> finde den Begriff allerdings irreführend, da für
> mich 'gebären' oder 'entstehen' einfach grundlegend
> verschieden von 'schaffen' ist. Es müsste sich also
> meiner Meinung nach um 'Geburtsspiritualität' oder
> 'Entstehungsspiritualität' handeln und nicht um
> 'Schöpfungsspiritualität'.

Die Begriffe sind verschieden, aber ich denke daß sie beide nicht annährend das treffen, was die Gottheit wirklich tut. Es sind menschliche Begriffe für menschliche Erfahrungen, die wir zu übertragen versuchen.

*wink*
Ialokin

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