Verunsicherte Eltern

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29 Nov 2011 08:28 #11438 von Ishtar
Verunsicherte Eltern wurde erstellt von Ishtar
Ich glaub das Thema liegt in der Luft....

Die FAZ am Sonntag brachte ein Interview von Jesper Juul zum Thema "Leistungssport Erziehung", die Welt online brachte etwas über kindliche Schlafstörungen und verunsicherte Eltern und gestern gab es einen interessanten Talk in hart aber fair "Eltern ohne Kompass - wer gibt Kindern heute noch Richtung?"

Was meint ihr?

Ich glaube das ganz viel Verunsicherung daher stammt, dass manchmal der Eindruck erweckt wird, es gäbe EINEN EINZIGEN UND WAHREN ERZIEHUNGSSTIL (Also erzieherischer Monotheismus). Und dann gibt es natürlich auch nur EINEN RICHTIGEN WEG. Wenn man aber gerade ein Problem hat will man sich natürlich sicher sein und der EINE WEG schaukelt Sicherheit vor. Ein "Teufelskreis". Oder habt ihr andere Theorien?

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29 Nov 2011 10:27 #11439 von Athena
Athena antwortete auf Verunsicherte Eltern
ohje Ishtar, da ruehrst du bei mir an einem wunden Punkt - bei dem Thema kann ich ein [bitteres] Lied von singen!
Es geht auf keine Kuhhaut was in Deutschland bzw. Von deutscher Seite aus an Druck auf Muetter ausgeuebt wird, und was im Umkehrschluss an Untoleranz und arroganter Herablassung einer entgegen”schlaegt” die es entwder nicht schafft alle “Punkte” dieses Perfektions-Wahns zu “befolgen”, oder es vielleicht sogar “wagt” sich diesem gar nicht erst zu unterwerfen...

Es faengt ja schon in der Schwangerschaft an dass frau bearbeitet wird: Geburt muss natuerlich sein (am besten Wassergeburt mit Walgesang) – Zangengeburt? Dammschnitt? Kaiserschnitt? -Versagerin!!
Dann Stillen: wie? Du stillst nicht die vorgeschriebenen 6 Monate durch? -du stillst vielleicht sogar gar nicht?? -Versagerin!!
Dann das Tragetuch: Kinderwagen? …
Dann Toepfchen: Windeln? …
Und durchgehend von anfang an was das Kind in welchem “Stadium” zu koennen hat – wenn es auch nur irgendwo aus dem Raster faellt wird es den Eltern oder auf jeden Fall der Mutter als Versagen angerechnet (und es wird sicher gemacht dass diese das auch hoert).

Und sollte sich sogar mal so eine super-Mama finden die all diese Vorstellungen aufs i-Tuepferchen ausfuehrt, so ist sie immer noch nicht gut genug; denn es reicht natuerlich nicht eine perfekte Mutter zu sein... wenn eine wirklich nach dem Stern der Annerkennung greift, muss sie zusaetzlich noch ein abgeschlossenes Studium vorweisen koennen, selbstverstaendlich erfolgreich in ihrem Bereich gearbeitet haben und sich eine Karriere aufgebaut haben zu der sie jederzeit zurueck kehren kann...

Womit wir beim naechsten Problem sind: wann geht die perfekte Mutter wieder arbeiten...?
Hier kann sie natuerlich wieder nur verlieren: entweder “schiebt” die “Rabenmutter” das Kind in die Krippe ab, oder sie ist eben “nur” (sic) Mutter & Hausfrau...

Dieser Leistungsdruck gepaart mit unnatuerlichen & voellig ueberzogenen Erwartungen wird meiner Erfahrung nach besonders gerne von kinderlosen Lehrerinnen ausgeuebt – denn diese wissen -theoretisch (sic)- am besten ueber alles Bescheid da sie es ja studiert haben...

Von dieser Sorte hatte ich mal eine “Freundin” (zumindestens bildete ich mir ein dass wir Freundinnen waren), nachdem die Freundschaft auseinanderbrach -sie war da gerade fertig mit ihrem Referendariat fuer Realschule SekI- erfuhr ich dass die mich als Mutter fuer eine totale Versagerin und Sozialfall haelt weil ich
a) mein Kind fernsehen lasse
(dass dies in einem festgelegten zeitlich begrenzten Rahmen laeuft, nur ausgewaehlte erzieherische Programme von Cbeebies sind, und es mein Kind deutlich in Sprache, Verstaendnis & Erlernen foerdert spielt dabei keine Rolle und interessiert auch gar nicht erst: Fernsehen=schlecht=unfaehige Mutter)
b) meinem Kind nicht jeden Tag aufwendige Kindermahlzeiten koche und Sachen aus der Tiefkuehltruhe verwende
(wiederum wird sich gar nicht dafuer interessiert dass mein Sohn -wie viele Kinder in dem Alter- diese Kindermenues die da muehselig gekocht werden sollen einfach nicht isst; dass er ein totaler Obst & Gemuese-fan ist; dass er jeden Tag Gemuese ist; dass Gemuese aus der Tiefkuehltruhe genau so gut und manchmal sogar besser als frisches Gemuese ist – und jeder der einen Blick auf meinen Sohn wirft sieht sofort wie putzerlgesund er ist. Aber es passt nicht ins Programm: nicht selber alles kochen/Tiefkuehltruhe=schlecht=unfaehige Mutter)

oh und dann stellt euch vor... ich schneide doch tatsaechlich die Kruste von den sandwiches meines Sohnes ab weil er die nicht mag... das besiegelt das Urteil natuerlich!

Sogar vor meinem Kind selber wurde nicht halt gemacht: was, der spricht mit seinen damaligen 2 ½ noch nicht fliessend?! - das ist natuerlich die “Schuld” & Versagen der unfaehigen Mutter/Eltern!!

Sie ging dann soweit zu kritisieren dass mein Kleiner damals das Wort “cake” so toll fand: natuerlich lag das nicht daran dass er im Kindergarten gerade das Konzept von Geburtstag kennengelernt hatte wo natuerlich auch ein Kuchen vorkommt, sondern daran dass ich ihn ja so schrecklich ernaehre & erziehe.

Ich muss sagen dass ich froh bin dass ich nicht in Deutschland lebe! Hier in England ist es -meiner Erfahrung nach- entspannter; einfach weil die englische Mentalitaet nicht den Deutschen Perfektionismus & Ehrgeiz kennt.

Doch obwohl ich ja schon vor der Schwangerschaft in England lebte hat es mich fast 3 Jahre gedauert/gekostet bis ich mich von diesem Zwangskaefig befeite – die deutsche Mentalitaet war einfach zu sehr eingebrannt in mir.

Be who you are and say what you feel, because those who mind don't matter, and those who matter don't mind.

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29 Nov 2011 11:53 #11440 von Nivien
Nivien antwortete auf Verunsicherte Eltern
Tja, und da es verschiedene Erziehungs"sekten" gibt, läßt es sich über den wahren Weg trefflich streiten. Gehen wir es zu rational an? Ich glaube, uns ist mittlerweile einfach das Bauchgefühl, eine gesunde Instuition für das, was angemessen ist, verlorengegangen. Wir sorgen uns viel zu viel um die Zukunft unserer Kinder (guter Job etc) und achten zu wenig, dass unsere Kinder - und wir natürlich auch - hier und heute leben und glücklich sein wollen.

Ein wahrer Augenöffnet war für mich vor vielen Jahren "mit Kindern wachsen" - Achtsamkeit in der Familie. Das bezieht sich auf mich selbst und gibt keine Regel vor. Auch der Ansatz von Jesper Juul ist glaub ich sehr heilsam.

Irgendwo las ich mal, dass früher Erziehung = Erziehung zum Gehorsam war. Ich fürchte, viele Eltern haben das irgendwie immer noch im Hinterkopf.

Du hast ganz offensichtlich sehr schlechte Erfahrungen gemacht, Athena. Schade - und ich hoffe, Du läßt dich davon nicht beirren.

Wie es in anderen Ländern ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls gibt es hier recht wenig entspannte Eltern. Das finde ich oft ziemlich anstrengend, aber den Schuh zieh ich mir mittlerweile einfach nicht mehr an, basta ;-)

Hier sehr zu empfehlen: "Leitfaden für faule Eltern" von Tom Hodgkinson (natürlich, ein Brite!).

B*B
Nivien

Jede gute Sache ist scharf. (Gurdijeff)

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30 Nov 2011 08:58 #11442 von Mairi
Mairi antwortete auf Verunsicherte Eltern
Ich hatte das Glück, dass meine Eltern einen sehr angenehmen und entspannten Erziehungsstil hatten bzw. haben. Mein Vater neigte ein wenig zum klammern, aber das hat mir eher geholfen, selbstständig zu werden. Sie haben sicher nicht alles richtig gemacht, aber hinter allen Taten konnte ich spüren: ich werde geliebt und akzeptiert. Ich denke, das macht es mir jetzt als Mutter auch einfacher, auf meinen Bauch zu hören.

Ich habe als Kind Fast Food gegessen, viel ferngesehen (auch Filme, die für mich noch gar nicht geeignet waren), ich hatte als Baby einen Schnuller (mit ordenltich BPA drin), ich habe zeitweise nur Limo getrunken... Alles Dinge, die heute als ganz schrecklich angesehen werden. Trotzdem ist aus mir eine zufriedene glückliche Erwachsene geworden, die ihre Eltern wöchentlich sieht und mit ihnen gern zusammen ist, trotzdem ihr eigenes Leben führt.

Ich glaube, in der Erziehung geht es nicht um Fragen wie "Isst mein Baby fertig Brei oder koche ich selbst?", "Bekommt mein Baby einen Schnuller?" usw. Es geht darum dem Kind zu zeigen: "Egal, was ist, ich liebe dich und respektiere dich." Es gab mal ein Buch mit dem schönen Titel "Kinder sind Reisende, die nach dem Weg fragen", das trifft es ganz gut. Jesper Juul hat auch mal so schön gesagt: "Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern authentische Eltern, die auch mal ratlos sind, Fehler machen und diese eingestehen." Ein bisschen Entspannung auf Seiten der Eltern wäre echt wünschenswert.

Zumal jedes Kind anders ist. Mein Sohn und seine Cousine sind nur 3 Wochen auseinander, aber total unterschiedlich. Man könnte die beiden nicht mit dem gleichen Erziehungsstil erziehen.

Thig crioch air an t-saoghal ach mairidh gaol agus ceòl.

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30 Nov 2011 14:43 - 30 Nov 2011 14:43 #11449 von Ialokin
Ialokin antwortete auf Verunsicherte Eltern
@Meadhan_Latha:

Ich glaube, in der Erziehung geht es nicht um Fragen wie "Isst mein Baby fertig Brei oder koche ich selbst?", "Bekommt mein Baby einen Schnuller?" usw. Es geht darum dem Kind zu zeigen: "Egal, was ist, ich liebe dich und respektiere dich." Es gab mal ein Buch mit dem schönen Titel "Kinder sind Reisende, die nach dem Weg fragen", das trifft es ganz gut. Jesper Juul hat auch mal so schön gesagt: "Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern authentische Eltern, die auch mal ratlos sind, Fehler machen und diese eingestehen." Ein bisschen Entspannung auf Seiten der Eltern wäre echt wünschenswert.

Ganz toll! "unterschreib"

Ialo

Die Liebe zu schenken, den Zauber zu wecken, das Leben zu feiern - das ist unser Sinn.
Letzte Änderung: 30 Nov 2011 14:43 von Ialokin.

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01 Dez 2011 11:02 #11456 von Athena
Athena antwortete auf Verunsicherte Eltern
Ialokin schrieb:

@Meadhan_Latha:

Ich glaube, in der Erziehung geht es nicht um Fragen wie "Isst mein Baby fertig Brei oder koche ich selbst?", "Bekommt mein Baby einen Schnuller?" usw. Es geht darum dem Kind zu zeigen: "Egal, was ist, ich liebe dich und respektiere dich." Es gab mal ein Buch mit dem schönen Titel "Kinder sind Reisende, die nach dem Weg fragen", das trifft es ganz gut. Jesper Juul hat auch mal so schön gesagt: "Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern authentische Eltern, die auch mal ratlos sind, Fehler machen und diese eingestehen." Ein bisschen Entspannung auf Seiten der Eltern wäre echt wünschenswert.

Ganz toll! "unterschreib"

Ialo

ditto :)

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