Ashley-Treatment

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07 Jan 2007 11:30 #2263 von Ishtar
Ashley-Treatment wurde erstellt von Ishtar
Vielleicht haben einige schon davon gehört. Ich hab das erst gerstern entdeckt und erst heute die Zeit gefunden es nachzulesen.

Es geht darum, dass die Eltern eines schwerbehinderten Mädchens medizinische (Hormontherapie, OP) dafür gesorgt haben, dass diese "Kind bleibt".

Ihre geistige Fähigkeit entspricht laut Aussagen einem drei Monate altem Baby. Mit neune Jahren kann Ashley nicht selbst den Kopf halten (wie bei sehr jungen Säuglingen). Sie muss über einen Schlauch ernährt werden, kann sich nicht selbständig drehen und muss somit rund um die Uhr gepflegt werden. Die erledigt die Familie. Das bedeutet z.B., dass alle paar Stunden jemand aufstehen muss und das Kind im Bett in eine andere Stellung bringen muss damit keine Druckstellen am Körper entstehen.
Die Eltern befürchteten, dass sie ihre Tochter bei einer Größe von 1,60+ nicht mehr zu Hause pflegen konnten und nur noch die Möglichkeit des Heims bliebe.

Der Fall führte zu sehr vielen Diskussionen. Unter anderem wurde darin auch von Eugenik gesprochen, oder dass die Eltern Gott spielen wollen. So wurden z.B. die Brüste entfernt - es wurde befürchtet, dass sie besonders groß werden und Brustkrebs entwickeln und die Gebärmutter.
Gerade letzteres wurde sehr scharf kritisiert.

In der Diskussion werden aber einige sehr wichtige Fragen aufgeworfen wie z.B. "Ist es angemessen, das Wachstum schwer entwicklungsgeschädigter Kinder zu hemmen, um ihre Pflege zu vereinfachen?", "Die Frage ist doch eigentlich: Als was sieht man den behinderten Menschen? Als eigenständiges Wesen?"

Einige Stimmen:
"Aus diesem Kind wird geistig nie ein Teenager, geschweige denn eine Frau werden. (...) Welche Eltern würden es ihrem Baby zumuten wollen, im Körper einer erwachsenen Frau leben zu müssen? Ich bewundere die Eltern für ihre mutige Entscheidung, Ashley den Körper geben zu wollen, den dieses Baby braucht."
"Als Gesellschaft machen wir einen ziemlich lausigen Job, wenn es darum geht, Angehörige Pflegebedürftiger zu unterstützen", räumte auch Joel Frader ein, Medizinehtiker am Chicagoer Children's Memorial Hospital. Doch auch er findet: "Diese spezielle Behandlung - auch wenn sie in Anbetracht der Situation okay wäre, und ich denke, dass sie das ist - kann keine verbreitete Lösung sein. Und sie ignoriert die großen sozialen Herausforderungen in der Pflege Behinderter.", "Nur die Zeit wird zeigen können, ob die Eltern die richtige Entscheidung getroffen haben. Es sieht jedenfalls so aus, als hätten sie im besten Interesse des Kindes gehandelt."

ausführlicher Artikel bei Spiegel-online mit vielen Links, inkl. kleinem Film und link zum Weblog der der Eltern.

Ich persönlich finde es sehr schwer mir dazu eine Meinung zu bilden.
Ich finde einige Vorwürfe aus der Diskussion etwas lächerlich. Einfach weil es ganz klar ist, dass Ashley keine Mündigkeit erreichen wird. Ebenso wird wahrscheinlich jeder der Meinung sein, dass niemand damit einverstanden wäre, wenn sie tatsächlich mal Kinder kriegen würde. Sie könnte rein von der mentalen Fähigkeit niemals ihr Einverständnis zum Geschlechtsverkehr geben, so dass es rein vom Gesetz her immer eine Vergewaltigung wäre. Wenn es um das reine "potential", das sie Kinder kriegen könnte geht hätte das auch mehr in die Richtung formuliert werden sollen. Es ist leicht gesagt, Behinderte als eigenständige Wesen sehen zu wollen, aber für mich ist es eine Tatsache, dass es SEHR große Unterschiede zwischen den Behinderten gibt. Und gibt es nicht auch große Unterschiede zwischen der Eigenständigkeit eines Säuglings und eines Teenagers? Natürlich auch die Frage von was für eine Behinderung sprechen wir, geistiger od. körperlicher? Und von welchem Grad an Behinderung sprechen wir. Ein bisschen in das Thema hinein geht für mich auch die Diskussion "wie tot ist tot?"
Vielleicht bin ich auch durch einen Fall den ich gelesen habe, wo es auch um die Pflege der vollpflegebedürftigen Tochter ging geprägt. Ich glaube ohne selbst ein schwerbehindertes Kind zu haben, kann man sich den Pflegeaufwand selbst kaum vorstellen. Und auch hier gibt es sicherlich große Unterschiede in der Pflegebedrüftigkeit.

Widersprüchliche Gefühle lösten bei mir auch Aussagen aus die von "Wider der Natur etc." sprachen. Ich finde sie etwas lächerlich und einfach nur plakativ und nicht gut überlegt. Weil wenn wir uns tatsächlich den Umgang in der freien wildbahn anschauen und danach handeln - dann hätte die Mutter das Kind töten sollen. Zu Ende gedacht, würde also wahrscheinlich kaum einer wirklich im Sinne der "Natur" handeln wollen in diesem Fall. Ich denke der Mensch muss bei aller Orientierung an die Natur, doch eine andere Ethik entwickeln - und hat dies auch.

Aber schließlich bin ich froh, nicht diese Entscheidung treffen zu müssen, denn ich finde diesen Fall ethisch recht schwer einzuordnen und meine Position zu finden, weil so viele verschiedene Aspekte hineinspielen.

BB
Ishtar

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07 Jan 2007 14:27 #2277 von Nivien
Nivien antwortete auf Ashley-Treatment
Hallo Ishtar,

*ratlos*

Die Argumente der Eltern klingen ja irgendwo nachvollziehbar, aber gruselig finde ich diese Vorgehensweise dann doch sehr.


Nivien

Jede gute Sache ist scharf. (Gurdijeff)

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10 Jan 2007 18:45 #2360 von Robin
Robin antwortete auf Ashley-Treatment
Hallo Ishtar,
ich stimme dir zu: Ich bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss. Grundsätzlich ist die erste Reaktion: Wie kann man! Aber als ich mir das gerade noch mal durchlas, kam mir ein anderer Gedanke: Diese Eltern wollen ihr Kind selbst versorgen. Sie sind bereit sich um dieses Kind zu kümmern. Können sie das in gleicher Weise, wenn ihre Ashley voll ausgewachsen ist? Oder sähen sie sich dann vielleicht dazu gezwungen, sie in ein Pflegeheim zu geben, schon allein aus dem Grund, dass die Mutter eine Tochter, die sechzig Kilo wiegt und 1,70m groß ist, vielleicht irgendwann nicht mehr tragen kann?
Da ich im Moment bei meiner alten und kranken Oma erlebe und sehe, wie meine Mutter kämpft und alle Kräfte aufbietet um ihrer Mutter ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, gilt mein Mitgefühl in diesem Moment auch den Eltern.
Denn die Krankenkasse hat einer Weiterbehandlung von Oma im Krankenhaus jetzt nicht mehr zugestimmt, so dass Mama nun die Wahl hat, sie erst mal zu sich zu nehmen oder ein Hospiz/Pfelgeheim zu suchen und zu finanzieren. Die Gesellschaft, die gerade sop große Töne spuckt, schweigt sich da dezent aus.

Liebe Grüße, Robin

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10 Jan 2007 21:58 #2372 von scarabaea
scarabaea antwortete auf Ashley-Treatment
Ich bin sehr vorsichtig mit einem Urteil.

Zunächst möchte ich einmal sagen, dass ich selbst ein schwerstbehindertes Kind habe. Unser Sohn ist 18 Jahre alt, etwa 120 KG schwer und 180 cm groß. Von seinem Entwicklungsstand her sind die meisten Zweijährigen ihm deutlich überlegen. Er muss vollständig versorgt werden, dh. gewaschen, gekleidet, gefüttert, Windeln gewechselt usw. Tagsüber besucht er eine Einrichtung. Er kann nicht sprechen und auch nur begrenzt zum Ausdruck bringen, welche Bedürfnisse er hat. Er leidet unter einer generalisierten Form der Epilepsie und benötigt entsprechend Medikamente. Zum Glück hat er ein sonniges Gemüt und ist meistens gut gelaunt.

Ich bin froh, dass er ein Junge ist und seine geschlechtliche Entwicklung sehr verzögert verläuft. Ich weiß von anderen Eltern, wie schwierig es wird, wenn Mädchen dann auch noch ihre Periode haben.

Ich weiß nicht, was die Eltern und letztendlich auch die Ärzte zu den getroffenen Maßnahmen bewogen haben mag. Sie werden es sich sicherlich nicht leicht gemacht haben, denn leichtfertig wird man derartig risikobehaftete Eingriffe nicht vornehmen. Erst recht wird niemand nachvollziehen können, was der betroffene behinderte Mensch empfindet und wie es ihm geht. Bequehmlichkeit wird mit Sicherheit keine Rolle gespielt haben. Ich gehe eher davon aus, dass man bestrebt war, das Leiden zu begrenzen. Schwerstbehinderte sind oft übergewichtig, weil die Stoffwechselvorgänge sich anders vollziehen als bei gesunden Menschen. Bedingt dadurch sind auch andere Körperfunktionen stark beeinträchtigt.

Ich wünsche mir, dass alle Beteiligten mit der Entscheidung, die sie zu treffen hatten oder von der sie betroffen sind, leben können.

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