Eine Bibel in "gerechter Sprache" - neue Übersetzu

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21 Feb 2007 10:18 #3127 von Estsanatlehi
Hallo Robin,

erstmal Danke, dass Du Dir die Mühe machen willst, überhaupt nachzuschlagen! :-) Ich hatte das eher so in die Richtung gefragt, für den Fall, dass Du das schon wüsstest/als Neuerung entdeckt hättest.

Also suche auf gar keinen Fall zu lange rum, so wichtig ist das nun auch wieder nicht :-)

Ja, finde ich übrigens auch: ein bisschen sperrig zu lesen, ist nicht so schlimm, wenn man dafür eine Annäherung an das urprünglich Gemeinte/Geschriebene erreicht. Und wie schon gesagt, jede Bibelübersetzung hat ihre Vor- und Nachteile .... dafür hat der Bibel-'Profi' ja mehrere ;-) , wobei der richtige Profi wohl am besten in der Sprache des Urtextes nachliest....

Also zuerst würde ich mal schauen, ob die Begriffe rechem und malchut in irgendeinem Index/Sachregister dieser Bibel aufgeführt sind. Da die nefesch ja lt. dieser Amazon-Rezension sichtbar gemacht wurde, würde ich erstmal nach diesem Begriff schauen, falls der dort nicht auftaucht, ist schon mal Essig, dann werden die anderen beiden dort auch nicht zu finden sein. Hinzukommt noch die unterschiedliche dt. Schreibweise dieser hebräischen (aramäischen) Worte.

1. Regina Ammicht-Quinn (kathol. Moraltheologin) schreibt z.B. näfäsch (statt nefesch und ich hab's irgendwo schon mal mit ph gesehen) in ihrem Referat Corpus Delicti: Körper Religion Sexualität:

"Ein Beispiel dafür ist das hebräische Wort näfäsch: die Kehle. Mit der Kehle ist
nicht nur das aktuelle Organ gemeint, sondern dessen Fähigkeiten und Tätigkeiten:
es ist die rufende, singende, flüsternde oder krächzende Kehle, die begie -
rige, hungrige, durstige oder nach Luft schnappende Kehle. Luft, Wasser, Nahrung,
Töne, sprachliche Kommunikation – alles muss durch den Engpass der
Kehle. Die näfäsch ist damit ein äußerst breites Symbol: sie steht für den bedürftigen,
endlichen Menschen, genauso aber für seinen élan vital , seine Lebenskraft.
Als im 3. Jahrhundert v. Chr. die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt
wurde, hat man an 600 von 755 Stellen das hebräische näfäsch mit psyche übersetzt
– so dass wir heute Lobe den Herrn, meine Seele beten, und nicht, wörtlich:
Lobe den Herrn, meine Kehle. Heute tut es uns gut, uns zurück zu erinnern,
dass das nicht heißt: Lobe den Herrn, dieses durchsichtige, vielleicht ge -
flügelte und ganz und gar unkörperliche Etwas, das sich irgendwo in meinem Innenraum
befindet, sondern: Lobe den Herrn, du lachender und weinender, singender
und schreiender, sprechender, bedürftiger, sterblicher und vielleicht
darum ganz und gar lebendiger Mensch."

2. rechem (Gebärmutter, Mutterschoß, Mutterliebe, Barmherzigkeit) müsste u. a. an den Stellen im AT zu finden sein, in denen von der Barmherzigkeit Gottes (auch übersetzt mit Erbarmen) die Rede ist. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich hier gerade gar keine Bibel mehr in Griffnähe rumliegen habe, da müsste ich erstmal in Bücherkisten graben. Auch erinnere ich mich nicht mehr von wem der Aufsatz/das Buchkapitel war, den/das ich über dieses Thema mal gelesen habe.

Auszug aus einem Predigttext eines Reverends der United Church of Canada, mit dem Titel: 'God our Mother'

www.standrewswesleychurch.bc.ca/sermons.htm

"Maybe that's a bit fanciful, but those metaphors of birth are very powerful. For instance, according to studies done by Phyllis Trible -- who was, by the way, one of my Old Testament professors years ago in Boston -- when the Hebrew word for womb (rehem) is used in the plural form rahamim then the language does strange things, and the concrete meaning, wombs, expands to include the abstraction of compassion, mercy and love. (God and the Rhetoric of Sexuality) In the same way, the verb, to show mercy and the adjective to be merciful are both variations of the word for a woman's uterus, rehem. So when one reads of God's compassion in the Bible, there is a suggestion, built right into the words themselves, that it can best be understood as womb-love, the strongest, deepest, most self-giving love we can imagine. As Trible comments, this birth-womb-compassion metaphor suggests the meaning of love as selfless participation in life. The womb protects and nourishes but does not possess and control. It yields its treasure in order that wholeness and well-being may happen. (ibid., pg. 33). There is a direct parallel between the wombs of women and the compassion of God."

Barmherzigkeit kommt von den hebräischen Wörtern „Racham, rachem, rachum, rechem, richam, rucham“. Sie bedeuten barmherzig, Barmherzigkeit, Eingeweide, Empathie, Erbarmen, Erbarmungen, Gebärmutter, Gnade, gnädig, Inneres, Liebe, Liebeserweis, Mitgefühl, mitleben, Mitleid, Mutterliebe, Mutterschoss, Schoss, sich erbarmen oder Uterus. Die Bedeutung dieser Ausdrücke reicht vom Organ der Gebärmutter über das positive menschliche Gefühl bis zur wichtigen „weiblichen“ Eigenschaft Gottes.

"Hebräisch racham bedeutet ,sich erbarmen', rachamim bezeichnet das ,Mitgefühl' oder ,Mitleid'. In allen diesen Wörtern steckt ein noch einfacheres, ursprünglicheres, nämlich rächäm, das Wort für den weiblichen Schoß, den Mutterschoß oder die Gebärmutter." (S. Schroer/T. Staubli, Die Körpersymbolik der Bibel)


3. Zum Schluss zur malchut(h) : darüber hat u.a. der von Ishtar hier im Thread erwähnte kath. Theologe Neil Douglas-Klotz im Zusammenhang mit seinen Meditionen zum Vaterunser geschrieben. Er erkennt hier eine nahe Verwandtschaft mit dem nahöstlichen Wort für 'Grosse Mutter', hab das Buch nicht gelesen, deswegen, weiss ich nicht, auf was für eine nahöstliche Sprache er sich dabei bezieht.

Malchut wird in der Bibel übersetzt mit Himmelreich, Reich Gottes, Königsherrschaft und dürfte auch so über den subject index aufzustöbern sein. Nachdem melech (der König) und malacha (die Königin), wäre eigentlich Reich der Göttin oder der Königin hier die korrektere Übersetzung. Es gibt sogar eine religionswissenschaftliche Studie (Renate Laut: Weibliche Züge im Gottesbild israelitisch-jüdischer Religiosität), die die Malchut als eigenständige Göttin ausweist (oder ausgemacht haben will ;-))

Christa Mulack hat sich auch recht ausführlich in mehreren ihrer Bücher damit beschäftigt. Bei ihr hatte ich folgendes gelesen:
"Im ältesten Evangelium des Markus kommt die Vatersymbolik für das Göttliche nur insgesamt viermal vor, die Malchut hingegen vierzehnmal, also dreieinhalb mal so häufig. Ganz anders im letzten Evangelium des Johannes, das erst sechzig bis siebzig Jahre nach Jesu Tod entstanden ist und eine eigene Theologie entwickelt hat. Hier ist nur noch zweimal (in einem Satz) von der Malchut die Rede, während der göttliche Vater gleich hundertviermal vorkommt. Hier wird eine Bewegung erkennbar von: "so wenig Vater wie nötig", zu: "so viel Vater wie möglich". Die weiblichen Lehren Jesu wurden demnach eindeutig ausgetauscht gegen männliche."

Von Mulack in diesem Zs.hang (Quelle: Religion ist zu wichtig, um sie den Männern zu überlassen, C.Mulack) erwähnt: Vergleich der Malchut/des Reich Gottes/Himmelreichs mit einer Perle und mit einem Schatz im Acker. Das wäre allerdings: Matth. 13, 44-46, deshalb bin ich mir da nicht ganz sicher.

Und ansonsten siehe das oben erwähnte Markusevangelium, Die Gleichnisse vom Reich Gottes. Markus 4. Kapitel gleich zu Anfang. 4,26 z.B. "mit dem Reich Gottes ist es so...."

Also ich hab das nur mal so zu Infozwecken hier alles aufgeführt, weil es ja irgendwie zum Thema dieser 'neuen' Bibel passt ...... :-)

Liebe Grüsse, Estsanatlehi

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21 Feb 2007 10:33 #3128 von Ialokin
Huhu :-)

Noch eine Anmerkung zu Nefesh:

Ein Beispiel dafür ist das hebräische Wort näfäsch: die Kehle. Mit der Kehle ist
nicht nur das aktuelle Organ gemeint, sondern dessen Fähigkeiten und Tätigkeiten:
es ist die rufende, singende, flüsternde oder krächzende Kehle, die begie -
rige, hungrige, durstige oder nach Luft schnappende Kehle. Luft, Wasser, Nahrung,
Töne, sprachliche Kommunikation – alles muss durch den Engpass der
Kehle. Die näfäsch ist damit ein äußerst breites Symbol: sie steht für den bedürftigen,
endlichen Menschen, genauso aber für seinen élan vital , seine Lebenskraft.


Victor Anderson, der Begründer der Feri-Tradition, setzt "Nefesh" mit dem Kindlichen bzw. Körper-Selbst der drei Selbste (oder Seelenanteile) des Huna gleich. Die anderen beiden sind "Ruach" für das Alltagsbewußtsein und "Neshamah" für das göttliche Selbst.

Ialokin

Die Liebe zu schenken, den Zauber zu wecken, das Leben zu feiern - das ist unser Sinn.

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25 Feb 2007 12:05 #3147 von Robin
Okay, ich fang mal an:

nefesch (hebr.) alias psyche (griech.) - Kehle, Atem, Leben, Seele, Person

Die Worte nefesch und psyche bezeichnen in Leib und Leben eines Menschen den Bereich, das Organ, in dem Gemüt, Leidenschaften, Vitalität verortet sind. Bibelübersetzungen geben die Worte überwiegend mit 'Seele' wieder. Doch verbindet sich mit dem Begriff Seele rasch die Vorstelung eones Gegensatzes zwischen dem sterblichen Körper und der unsterblichen Seele, die NICHT die biblische ist. (...) In nefesch und psyche sitzt das Leben in seiner integrativen Verbindung von Körperlichkeit, Denken und Fühlen, das je eigene personale Leben in oft bedürftiger (Koh 2,24) und gefährdeter (Ps 88,6) Ganzheit. So kann nefesch in der Verbindung mit einem Personalpronomen der 1. Person (nafschi) ein emphatisches 'ich selbst', 'mein ganzes Ich' meinen.
In leiblicher Verortung ist nefesch die Kehle. Sie hat Hunger und Durst, durch sie geht der den Menshcen belebende Atem, sie kann singen und so Gott segnen.......(zusätzliche Infos zu psyche)

Malchut selbst und rechem habe ich nicht finden können. Als Referenz steht bei Markus u.a. der Begriff basileia, der meist mit Gottesherrschaft übersetzt wurde. (Die Gottesherrschaft ist so, wie wenn eine Person Samen auf die Erde streut, nachts schläft und tagsüber aufsteht, und der Same geht auf und wächst - die Person weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst einen grünen Halm,d ann eine Ähre, dann eine ähre voller Korn. Sobald die Frucht ausgereift ist, legt, wer gesät hat, die Sichel an, denn die Ernte ist reif. ...


Hier ein Teil der Begriffe, die erklärt werden:
eved - Sklave
berit - Bund, Verpflichtung, Testament, Zusage
chesed - Freundlichkeit, Güte, Zuwendung, Gnade
zedaka, zadak, zaddik, ... - Gerechtigkeit
jah, adonaj, elohim, el,eloah, eljon, schaddaj, hypsistos, theos - diverse Gottesbezeichnungen
kyrios - Herr, Gebieter, Besitzer (vergleichbar in einer Hinsicht mit dem engl. Sir)
ruach, pneuma - Wind, Atem, Kraft, Geist, Geistkraft

usw. jeweils mit einem erläuternden Text zu der jeweiligen Wortwahl


Liebe Grüße, Robin

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26 Feb 2007 11:09 #3154 von Estsanatlehi
Hallo Robin

vielen Dank für die Arbeit, die Du Dir wegen mir gemacht hast :-) So habe ich wieder etwas dazugelernt.

Ausserdem, wenn zu rechem und malchut nichts in dieser Bibel erwähnt wird (Themen, die in Büchern etc. feministischer Theologinnen immer gerne aufgegriffen und behandelt werden), scheint das mit der 'Feministischen-Gefahr' in dieser neuen gerechten Bibelübersetzung ja nicht so schlimm zu sein ;-) ....

Ich habe am Wochenende, nachdem ich mich Dank dieses Threads nochmal mit Bibel etc. beschäftigt habe, ein bisschen zu dem von Ishtar erwähnten Neil Douglas-Klotz gegoogelt und mir daraufhin die aramäischen Gesänge des Obertonchors Christian Bollmann und einer amerikanischen Gruppe (San Antonio Vocal Arts Ensemble) angehört. :-) Sehr schön. Wäre ich ohne dieses Forum auch nicht draufgekommen.

www.lichthaus-musik.de/tontraeger/cd_abwun_d.html
www.lichthaus-musik.de/d_sounds.html#ABWUN

www.selfhealingexpressions.com/course_overview_14.shtml

www.abwoon.com/LordsPrayerinAramaic.html

LG Estsanatlehi

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26 Feb 2007 17:51 #3157 von Robin
Ach, das läuft so ähnlich wie mit der Rechtschreibreform: Da wird in den Medien ein Riesenwirbel veranstaltet und es werden einige tatsächlich stark abweichende oder aber seltsame Schreibweisen als Beispiel herangezogen, und schon schreit alles: Was für ein Blödsinn, wie sieht das denn aus, ......

Liebe Grüße, Robin

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