Hieros gamos ist griechisch und bedeutet heilige Hochzeit., die Vereinigung verschiedenster, komplementär wirkender  Gegensatzpaare, die gemeinsam zu einer höheren Einheit werden. Meist die Verbindung eines Himmels- und Sonnengottes mit der Erdgöttin (oder die Verbindung einer Himmels- und Sternengöttin mit dem Erdgott). Oft in ekstatisch-heiliger Sexualität ausgedrückt und von Priestern, Königen und dem Volk in Ritualen ausagiert.

 

 

 

 

Sexualität als Teil eines Rituals hat eine lange Geschichte und spielte in vielen Alten Religionen eine zentrale Rolle. Magisch gesehen kann man mit Sexualität die Energie steigern, leiten und senden in einem realen oder symbolischen Koitus. Die Heilige Hochzeit sollte nicht als purer sympathiemagischer Fruchtbarkeitsritus interpretiert werden und dient auch zur Sicherung der Königsherrschaft und zur Initiation, beides eine Machtübertragung. Doch selbst dieser kultische Sex enthält eine irdische Lustbefriedigung in dessen Ekstase sich das Göttliche offenbart.

Wir können nicht wirklich wissen, wie Sexualität im Paläolithikum sich abspielte, wir wissen noch nicht einmal wirklich, wie die damalige Religion aussah. Wir wissen aber, dass die Neandertaler in kleinen Familienclans von 5-6 Personen zusammenlebten. Frauen mussten wertvoll sein, denn sie steuerten dazu bei, dass die Familie weiterlebte indem sie sich fortpflanzten, aber auch gerade Frauen anderer Clans waren begehrt, um der Gefahr von Inzucht entgegenzuwirken. Wir haben immer noch das Bild eines Wilden, der eine Frau raubt. Vielleicht trifft dies zu, vielleicht auch nicht. Mit der Entstehung von Religion und ekstatischen Trancezuständen ist es gut möglich, dass auch die Sexualität als ein Mittel der Göttlichen Inspiration angesehen wurde. Denkbar, dass damals tatsächlich die Fruchtbarkeit im Vordergrund stand. Unser heutiges Getreide wurde hoch gezüchtet auf besonders resistente und ertragreiche Sorten und wenn die Ernte dennoch schlecht ausfällt holen wir uns LKW-Ladungen aus einem anderen Land. Unsere Vorfahren wurden dann von Hungersnöten geplagt, wahrscheinlich mussten auch Neugeborene, die zu unpassenden Zeitpunkten geboren wurden getötet werden. Fruchtbarkeit war Überlebensnotwendig. Sie ist es auch heute noch, nur interessieren wir uns eher für Geldrituale, womit wir dann Essen kaufen können. Nach dem Gesetz der Sympathiemagie brachte ein heiliger sexueller Akt mehr Fruchtbarkeit nach der Formel „Du willst mehr Korn – lass uns ficken!“, wie es Miriam Harline so schön ausdrückte. Es ist logisch sich für die Fruchtbarkeit des Landes an das Land selbst zu wenden.
Nach der letzten Eiszeit fand man eine Vielzahl verschiedenster Statuetten so genannte Venusfiguren aus Elfenbein, Knochen und Steinen. „Die meisten heidnischen Götzen hatten Brüste“. Die Göttin war im Neolithikum (7000 vuZ, andere Autoren sprechen von 25.000 vuZ) bereits präsent und ihre Verehrung hat sicherlich auch nicht nach der Schließung des letzten Tempels 500 uZ aufgehört. Wie mit den Statuetten umgegangen wurde, wie diese verehrt wurden und die Rituale aussahen, dies alles bleibt uns verborgen, aber wir wissen, wie in den Nachfolgenden Kulturen Göttinnen verehrt wurden. Bei den Hochkulturen finden wir Göttinnen als Schöpferinnen, Gesetzgeberinnen, Prophetinnen, Schicksalsgeberinnen, Erfinderinnen, Heilerinnen, Jägerinnen, ehrenvolle Anführerinnen und ruhmreiche Kriegerinnen. Fast könnte man sagen „zur Dämmerung der Religion war Gott eine Frau“.

Im späten Neolithikum hatten die ersten Tempel in Sumer die Form eines Ovals innerhalb eines Ovals. Die Ähnlichkeit mit der Vulva ist sicherlich nicht unbeabsichtigt. Die späteren Tempel ragten hoch in den Himmel mit dem Brautgemach als die oberste Kammer wo der König mit einer nu- gig , einer Tempeldienerin, Sex hatte. Er galt als irdischer Vertreter des Vegetationsgottes und sie war wahrscheinlich die Oberpriesterin als Repräsentantin der Stadtgöttin. Die Heilige Hochzeit war das Zeichen seiner Inthronisation und die wichtigste Kulthandlung im sumerisch-babylonischen Festkalender. Sie fand zur Wintersonnenwende statt, zu Beginn des neuen Jahres und war der Höhepunkt der zwölf Tage andauernden Festlichkeiten. Teile der für Ishtar bestimmten erotischen Liebeslyrik finden sich sogar wortwörtlich im Hohen Lied in der Bibel wieder, dessen Ursprung eindeutig ein Hieros Gamos ist. Erst wenn der König sich mit Inanna – Ishtar verband durfte er seinem Namen das Wort dingir, „Gott“ voranstellen. Inanna bestieg begleitet vom Klang von Harfen, Zimbeln Gesängen und Zurufen der Bevölkerung den Ziggurat. Das Heilige Bett im obersten Gemach mit ihren Blumen ausgelegt und aus dem Holz des huluppu Baumes. Nach dem Hieros Gamos sitzt Inanna auf ihrem Thron und der König leuchtet an ihrer Seite. Ihr Glanz scheint auf das Volk von Sumer und der König lädt das Volk ein an dieser Freude teilzunehmen. Die Fruchtbarkeit des Landes, Tiere und Menschen hing vom Heiligen sexuellen Akt ab und der Heiligen Hochzeit zwischen dem göttlichen Paar. Jahrtausende lang wurde dieser Mythos im rituellen Drama wiederholt. Als die Sumerer von den Akkadiern  und später von den Babyloniern bezwungen wurden verlagerte sich der Fokus des Rituals weg von Fruchtbarkeit auf die Bestätigung der Herrschaft.

Die Hochkulturen waren zu Beginn noch weiblich geprägt mit dem Tempel als Herz der Gemeinschaft. Die meisten Ländereien und Viehherden gehörten dem Tempel end die Oberste „Chefin“ war eine Frau. Im Matriachat wurde die Thronfolge ebenfalls auf der weiblichen Linie weiter getragen und genau diese Matrilinearität zeigte sich in vielen Königshäusern noch weiterhin. Ein König oder Gott konnte nur durch die Verbindung mit der Thronerbin an die Macht kommen. Die Übertragung der Königsherrschaft (Sovreignity) durch die Königin-Göttin als Repräsentantin des Landes findet sich noch bei den Kelten. In Ulster z.B. musste der König mit einer weißen Stute, Symbol für die Pferdegöttin des Landes Kopulieren.
Manchmal folgte dem heiligen Sex der Tod.
Ein Pubertätsritus der Marind-anim Neuguineas endete damit, dass eine Jungfrau unterhalb einer Plattform lag und alle neu initiierten mit ihr Sex hatten. Während der letzte bei ihr lag wurden die Halterungen der Plattform gelöst, so dass diese über dem Paar zusammenbrach und sie töteten. Die Körper wurden schließlich zubereitet und von der Menge gegessen.
Ein König, der mit der irischen Göttin Nair schlief musste nach der Überlieferung sterben. Die Heilige Hochzeit weihte ihn zum Herrscher und zugleich dem Tod als Dankopfer. Wie auch die Vegetation dem Zyklus von Geburt Tod und Wiedergeburt unterliegt. Die späteren Mysterienkulte bereiteten den Initiierten auch auf ein Leben nach dem Tod und / oder die Wiedergeburt vor. In Kreta gab es einen Achtjahreszyklus bei dem der Alte König sterben musste und der Neue bestieg die Königin und den Thron. Später erneuerte der Hieros Gamos wahrscheinlich seine Kraft und ein Opfer starb an seiner Stelle. Auch Iasion, Demeter’s Liebhaber mit dem sie auf einem dreifach gepflügten Feld schlief, wurde manchem Mythen zufolge von Zeus anschließend mit einem Blitz darniedergestreckt.

Wir können davon ausgehen, dass Heiliger Sex auch in den Mysterienkulten der Antike stattfand, obwohl es keine wirklich eindeutigen Beweise gibt. Für den Initiierten wird es nicht von Bedeutung sein, ob der sexuelle Akt symbolisch oder real durchgeführt wird, wichtig war die Wirkung. Die bekanntesten und wichtigsten Mysterienkulte waren jene der Demeter und Persephone-, Dionysos-, Orpheus-, Magna Mater und Mithraskult. Außer dem Mithraskult benutzten die anderen die Heilige Hochzeit mindestens symbolisch. Bei den Eleusismysterien gibt es Hinweise auf eine „Hochzeit im Untergrund“. Dionysos, der oft mit Hades in Verbindung gebracht wird, zeigt sich uns als ein Gott,  dessen Beziehung zu Frauen unüblich ist für die damaligen Götter. Einigen Autoren zufolge sichert er die eheliche Beziehung indem er den griechischen Frauen ab und zu eine Freiheit gönnte. Neben den öffentlichen Dionysischen Mysterien existierten auch private, die man als esoterischer Zweig betrachten kann. Möglich, dass einige wenige tatsächlich orgiastische oder Swingerclub ähnliche Formen annahmen. Frauen hatten im Dionysoskult oft Sex mit dem Gott, der wahrscheinlich in die anwesenden Männer invoziert wurden.

Zum Ende des Winters fand das Theogamia Fest statt, bei dem Zeus und Hera einen Hieros Gamos abhielten. Die Delphische Sibylle nennt sich die Braut Apollos und in Patara heißt es, die Priesterin hätte Sex mit Apollo gehabt und Kassandra von Troia wurde bestraft als sie sich weigerte Sex mit dem Gott zu haben.
Die Eleusynischen Mysterien und der Dionysoskult teilen sich das Haloa Fest, das in der Mittwinternacht gefeiert wird. Nur Frauen konnten teilnehmen und aßen Vulva und Phallusimitationen aus Kuchen.

Hinweise auf homosexuelle rituelle Vereinigungen sind spärlich. Einige Mythen werden besonders von Lesben und Homosexuellen als solche Interpretiert (Pallas-Athena und vor allem Artemis), allerdings sind hier noch keine Hinweise auf eine rituelle Hochzeit zu finden. Im Dorischen Kreta allerdings wird eine Art homosexuelle Heirat als Jungeninitiation genannt. Jedes Jahr wurden pubertierende Jungen in ein Haus geholt. Ein Mann würde unter ihnen einen aussuchen und ihn in ein anderes Zimmer führen, wie Zeus es mit Ganymedes getan hatte. Für den Auserwählten war dies eine besondere Ehre. Die Familie feierte die Abreise der Jungen mit einem rituellen Fangenspiel. Auch im Dionysoskult zeigt sich eine Facette, die evt. einen Hieros Gamos zwischen dem Gott und seinen männlichen Anhänger andeuten kann. In einem Mythos fragt Dionysos Prosymnos/ Polymnos (symbolischer Name für einen heiligen Phallus) ihm den Weg in die Unterwelt zu zeigen. Im Gegenzug wollte Polymnos Analsex mit Dionysos. Leider starb Polymnos bevor Dionysos aus der Unterwelt zurückkam. Ihm zu ehren wurde ein großer Phallus errichtet und Dionysos hielt sein Versprechen indem er sich auf das Monument setzte.

Vom Mittelmeer bis zum Industal gehörte sexueller Tempeldienst ebenso zur Religion wie frommes Beten und Dankesgaben. Niemand beanstandete diese heilige Kultsitte, es galt als eine Ehre und Tempeldienerinnen hatten den Ruf ausgezeichnete Ehefrauen zu sein.
Unter dem Begriff „Tempelprostitution“ werden heute verschiedene Arten von Frauen zusammengefasst. Eines sind Mädchen die als Initiationsritus zur Frau einmal in den Tempel gingen und sich einem Fremden hingaben. Stellvertretend für die Göttin spenden sie ihre Liebe und Opfern ihr Hymen, wie die Männer die Vorhaut bei der Beschneidung. Dieses Ritual mag durchaus in seinem Ursprung dazu gedient haben Inzucht zu vermeiden oder „frisches Blut“ unter die Menschen zu bringen. Die Gastprostitution, was durchaus eine Variante dieses „Dienstes“ sein könnte, wurde später bei den Kelten und Inuit belegt.
Die Hierodulen, Götterdienerinnen, gehörten zum Tempelpersonal und gewährten stellvertretend für die Göttin die Heilige Hochzeit, einem Sakrament ähnlich. Ihr Ansehen zeigte sich auch in ihren Bezeichnungen: Der Akkadische Name qadishtu bedeutet „heilige Frau“, Nu-gig  heißt „die Reinen“. Bevor sie Adams erste Frau wurde, wird Lilith als Inannas Hand beschrieben, die von ihr geschickt wurde Männer von der Straße zum Tempel zu geleiten. Als Inanna Ishtar wurde, hießen die qadishtu in ihrem wichtigsten Tempel ishtaritu, „Frauen der Ishtar“.
Sex zu Ehren der Göttin war ihr so heilig, dass es in ihrem eigenen Tempel stattfand.

Zu Matriachalen Zeiten war der Tempel Kontrollsystem und Herz der Gemeinschaft und möglicherweise gehörte Frauen viel bebaubares Land und domestizierte Tiere. Archäologische Berichte aus Nimrud zeigten, dass Frauen als Richter und Magistrate im Gerichtshof dienten, Berufe, die später nur Männern zugestanden wurden. Wahrscheinlich beobachteten Frauen die Verbindung zwischen Sexualität und Fruchtbarkeit als erstes und integrierten es in die religiöse Struktur. So wurde die Göttin das Tor zu Geburt und Tod zugleich. Gerade zu Zeiten der Venusidole ist es durchaus möglich, dass Männer keine gleichwertige göttliche Identitätsfigur hatten, ähnlich wie für die Frauen, als sich die patriachalen Religionen endgültig durchsetzten. Den obersten Rang als Stellvertreterin der Göttin hatte eine Frau inne. Nachdem Marduk zum babylonischen Staatsgott erhoben wurde, schaffte Hammurabi das Amt der Oberpriesterin ab, um nicht mehr der matrilinearen Thronfolge unterworfen zu sein. „Es zeugt, der sie befruchtet, sie hütet anvertrautes nur“. Die Riten wurden jedoch nicht komplett geändert. Die spätere „Antisex-Moral“ wird von manchen Autoren als Werkzeug zur politischen Zerstörung des matrilinearen Systems gesehen. Eines der Gründe könnte Machtstreben und die Aneignung von Ländereien sein. Die Frage nach der Vaterschaft wurde zu Beginn nicht gestellt, drängte sich jedoch später immer stärker auf. Bei den Leviten musste die Frau auf Todesstrafe dem Manne treu sein, dies galt auch wenn sie vergewaltigt wurde! Als die Mythologien patriachalisch wurden tötete Marduk die Muttergöttin Tiamat und Theseus Medusa. Die Göttin wurde zur Lebensverschlingenden Macht, die man bezwingen musste, „sicher“ war man(n) nur bei Jungfrauen. Der Ausbruch aus dem zyklischen Weltbild begann sich einzuschleichen. Götter die Vergewaltigten wurden als „spielerisch“ und „Männlich“ bezeichnet. Sichtbar wurde dies auch in den Bräuchen z.B. bei dem bereits genannten von Ulster, bei dem der König mit der Stute Kopuliert. Anschließend wurde die Stute getötet und das Fleisch gegart  und gegessen während der König in der Brühe badete und davon trank. In den Ursprünglichen Mythen starb der Gott symbolisch für die Vegetation. Jetzt wird das Land vereinnahmt indem es gegessen wird und zu Eigen gemacht.

Sexualität und die Schaffung des Lebens ist göttlich, nicht etwas, was der Gottheit fremd ist und die heidnischen Götter sind nicht vom Leben isoliert. Wir haben allerdings die Rituale verloren, welche unsere Vorfahren tausende von Jahre lang begleiteten und müssen neue schaffen. Vielleicht ist auch an der Zeit unser Götterbild zu einer Gleichberechtigung zu ändern. Weder Matriachat noch Patriachat, sondern eine Herrschaft der Gleichberechtigung beider Geschlechter, wo jeder ein adequates Göttliches Bild hat. Wir können aus der Sexualität wieder einen Heiligen Akt machen, die Veränderung beginnt im Kopf, in der Bewusstmachung. Wir können anfangen, dieses Beltane oder an speziellen Festen die Sexualität nicht nur als Lustbefriedigung und Ekstasemittel zu sehen sondern als Heiliger Akt. Anregungen finden sich in Wiccaritualen wo der Große Ritus real durchgeführt wird, im Buch „Baum der Ekstase“ von D. Ashcroft-Nowicki (wenn beide magisch Arbeiten!) und für Singles gibt es einen sehr schönen Ritus in Carr-Gomms „Druidcraft“. Für Homosexuelle Paare empfehle ich: Gay Witchcraft von Christopher Penczak. Auch wenn der Partner nicht magisch Arbeitet, gibt es mit Fantasie Möglichkeiten Zeiten zu schaffen, an denen der Sex mehr ist als Befriedigung.

Ishtar vom Sternenkreis
Erschienen in der Beltane 2005 Ausgabe der Hex & Co.

 

Quellen-Bibliographie

Carola Maier-Seetaler: Jenseits von Gott und Göttin
Dolores Ashcroft-Nowicki: Der Baum der Ekstase
Joseph Campbell: Die Masken Gottes
Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen
Merlin Stone: Paradise Papers
Miriam Harline: Love Like the Gods
Joey J. Heydecker : Die Schwestern der Venus...

 

Bücher mit Ritualen

Dolores Ashcroft-Nowicke: Der Baum der Ekstase Ein Buch voller großer Riten, am quabbalistischen Baum des Lebens orientiert allerdings aus verschiedenen Mysterientraditionen (z.B. Artus-Zyklus).
Philip Carr-Gomm "Druidcraft " Buch mit einem schönen Soloritual
Uta Holunder Sprenger: "Göttinnen - Feste - Erdenkräfte "    Ebenso ein Buch mit einem schönen Soloritual
Christopher Penczak: Gay Witchcraft Ein Buch mit einem sehr schönen Hieros Gamos für Homosexuelle

 

 

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