Es gibt kein Fest, was universeller ist, als die Rückkehr der Sonne zur Wintersonnenwende, welche in vielen Kulturen in irgendeiner Weise feierlich begangen wird. Leider ist uns nicht überliefert geblieben, wie genau dieser Festzyklus vor Jahrhunderten gefeiert wurden, doch tatsächlich ist uns ein Großteil der Bräuche in den christlichen Feierlichkeiten erhalten geblieben. Bräuche ändern sich und werden der vorherrschenden Kultur bzw. Mythologie angepasst oder uminterpretiert. Es ist sehr interessant zu sehen, wie viele Bräuche, sich ähneln und uns mit einem anderen Gesicht in einer anderen Kultur begegnen. Bräuche sind nichts anderes als die Auslebung der Menschheit innewohnenden Mythen, die die Wahrheit eines kollektiven Unterbewusstseins reflektieren und viele Religionen miteinander verbinden. In diesem Artikel möchte ich mich vor allem auf die Bräuche der Provence konzentrieren, welche sich über den Zeitraum der „calendale“ erstrecken.

Die „calendale“

Die Festlichkeiten der geweihten Nächte - calendale, beginnen in der Provence mit dem 4. Dezember und dauern bis Lichtmess am 2. Februar an. Es sei kurz darauf hingewiesen, dass die Sonnenwende ursprünglich am 25.12. stattfand, aber durch Kalenderreformen für uns nun häufiger auf den 21. oder 22.12. fällt.

4. Dezember – Lou Blad

In der Provence ist es am 4. Dezember Brauch auf drei mit feuchter Watte ausgelegten Schalen Weizen keimen zu lassen „Lou blad“. Sprießen die Keime gerade und grün, wird es ein fruchtbares Jahr werden. Wenn nach 15 Tagen die ersten Keime sprießen, wird ein Band dreimal dekorativ um die Schalen gebunden. Diese kleinen Miniaturfelder

werden später ihren Platz in der Krippe finden und gehören als traditionelle Dekoration beim Weihnachtsessen auf den Tisch. Nach Weihnachten sollte der Weizen im Garten vergraben werden um das Haus vor Blitzeinschlag zu schützen. (Mehr Informationen über diesen Tag findet ihr hier)

 

 

 

 

La Crèche et les Santons

Mit Krippe bezeichnen wir heute meist die Weihnachtskrippe, die figürliche Darstellung der Geburt des Jesus. Obwohl häufig Franz von Assisi als Erfinder der Krippe genannt wird, finden sich figürliche Darstellungen des Jesuskindes bereits im Frühchristentum. Meiner Meinung nach ist es sehr gut möglich, dass dieser Brauch von den Lararien inspiriert wurde. Sehr knapp erklärt sind Lararien kleine Hausschreine, die häufiger wie die Vorderseite eins Tempels aussehen und in denen sich kleine Figuren von Gottheiten befinden (Laren) welche das Haus und die Familie schützen sollten. Interessanterweise wurden die beiden Tiere, der Ochse und der Esel noch vor Maria (die erst im Mittelalter dazu kam) zur Krippe hinzugefügt. Christliche Quellen verweisen auf Jesaja 1,3 "Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe des Herrn. Doch vom symbolischen Blickpunkt her ist dies etwas unbefriedigend. Wenn wir aber bedenken, dass der größte Teil der Weihnachtsgeschichte vom Mithraskult, der stark mit einem Stier in Verbindung steht, übernommen wurde erhalten wir hier wieder eine andere Perspektive. Der Mithraskult kommt aus dem kleinasiatischen Raum und Mithras tötet den Stier aus dessen Blut die Fruchtbarkeit der Erde erneuert wird. Aleph (griech. Alpha), der erste Buchstabe des phönizischen Alphabets gehört zu den Buchstaben, die sich aus den Hieroglyphen entwickelt haben und auch von der sumerischen Keilschrift beeinflusst wurden: Das Piktogramm zeigt einen Stierkopf. Die Symbolik des Esels ist dagegen schwieriger und wahrscheinlich eines der wenigen Urjüdischen Elemente. Tatsächlich steht dort der Esel mit Wohlstand in Verbindung, ein weiterer Beweis das die angebliche „arme Geburt“ Jesu’ widerlegt. Die Quellen sind sich uneinig ob Jesus in einer Höhle oder einem Stall geboren wurde. Apollo wurde zu Mitwinter in einer Höhle geboren, ebenso wie Attis. Beide gehörten zu Sonnenkulten, die als Konkurrenz zum Christentum gesehen werden konnten und lange vor Jesu’ Geburt existierten. Wir können also daraus schließen, dass das mythologische Bild der Geburt der Sonne in einer Höhle wahrscheinlich das ältere ist. Die Höhle könnte auch mit dem Sonnengott Re und dem Urhügel (der sowohl in der Ägyptischen als auch in der sumerischen Mythologie anzutreffen ist) in Verbindung stehen. Dabei auch an die „Shining Ones“ aus den Feenhügeln zu denken ist ebenso nicht verkehrt und zeigt wieder die universellen Verbindungen der Mythen.

In der Provence nimmt die Krippentradition eine sehr bedeutende Rolle ein und sie wird ab dem 4. Dezember mit sehr viel Liebe aufgestellt. Die Provenzalische Krippe kennt so genannten „Santons“ (kleine Heilige). Die Santons repräsentieren Gestalten aus der provenzalischen Erzähltradition, die Handwerksberufe und weitere wichtige Gestalten aus dem Dorfleben. Gestaltet wird mit kleinen Häusern ein provenzalisches Dorf, das von der Geburt Jesus’ gehört hat und sich zu ihm begibt. Viele geben sich sehr große Mühe ihre Krippen zu gestalten. Viele Krippen sind mit einer Familientradition verbunden in der z.B. die Berufe der Eltern einen besonderen Platz einnehmen und diese Tradition wird an die Kinder weitergereicht. Andere spielen in mehreren Etappen die christliche Weihnachtsgeschichte nach. Nach der Mitternachtsmesse in der Nacht des 24. oder am 25. wird erst die Jesusfigur an ihren Platz gestellt und auch die Könige erscheinen erst am 6. Januar in der Krippe, sind manchmal aber von weitem schon zu sehen. Das Stroh nimmt für die Christen natürlich die Bedeutung der Armut an – aber seien wir ehrlich, was für eine phantastische Grundlage für die noch junge Sonne, damit sie so richtig „Feuer fangen“ kann! Können wir diese Tradition auch für Heiden benutzen? Auf jeden Fall! Figürliche mini Darstellungen von Kräften und Gottheiten gab es schon bei den Römern. Wir könnten sogar noch weiter zurück in den mesopotamischen Raum gehen. Warum also nicht mit mehreren Figuren eine heidnische Weihnachtsgeschichte erzählen? Natürlich muss da jede Tradition für sich entscheiden, wie sie ihren Kindern die Geschichte erzählen wollen. Die Santons der Provence (Interentadressen siehe unten) geben durch ihre Vielzahl von verschiedenen Handwerken sehr gute Möglichkeiten der Darstellung. Wie wäre es die Handwerke den 12 Tierkreiszeichen entsprechend zuzuordnen, die die junge Sonne empfangen gehen? Spinnerinnen die z.B. die Nornen darstellen können gibt es auch genug. (Mehr Informationen zum Weihnachtslararium findet ihr hier)

 

Cacho-fio - Holzscheit

Cacho-fio bedeutet „das Feuer entfachen“. Gemeint ist damit ein Holzscheit. Ein Brauch, der auch in anderen Teilen Europas sehr weit verbreitet ist. Wegen der großen Bekanntheit dieses Brauches, werde ich hier weniger auf Parallelen und Entstehung eingehen, sondern nur die Besonderheit in der Provence herausarbeiten. Traditionell sollte er aus einem Fruchtbaum (Birne, Kirsche, Olive) bestehen. Die kleine Zeremonie findet vor dem Kamin statt bevor man zu Tisch geht. Sie wird vom Ältesten und Jüngsten anwesenden durchgeführt. Wenn möglich halten beide den Holzscheit und laufen zusammen damit dreimal um den gedeckten Tisch. Anschließend wird der Holzscheit in den Kamin gelegt und vom jüngsten des Hauses dreimal mit Wein begossen indem ein Segen (meist um Fruchtbarkeit und Glück) gesprochen. In diesem Teil des Rituals wird das, was geschehen soll, bereits rituell durchgeführt damit es sich in der Welt präsentiert. Am schönsten ist es noch, wenn das neue Feuer mit einem Stumpen des alten Holzscheits entzündet wird. Dieses Ritual könnte auch in der Familie Teil des Hauptrituals sein. Normalerweise lässt man den Holzscheit während 3, sechs (Neujahr) oder 12 Tage (Epiphanie) brennen. Die Asche wurde sorgsam verwahrt, weil sie das Haus und seine Bewohner schützt. Alternativ könnte man eine Feuerschale oder einen Kessel benutzen und den Holzscheit dort drinnen entzünden. Seit dem 19. jh. Entwickelte sich der Brauch einen Kuchen in Form eines Holzscheits zu essen.

 

 

Gros Souper - das « Große Abendessen »

Der „Gros Souper“ wird am Weihnachtsvorabend vor der Mitternachtsmesse serviert. Nichts wird hier dem Zufall überlassen und das Essen ist von Symbolik getränkt. Der Tisch wird von drei weißen Tischdecken gedeckt, eine immer kleiner als die andere. Es werden drei weiße Kerzen aufgestellt und die drei Schalen mit dem Weizen vom 4. Dezembers. Es darf nicht mit Mistel dekoriert werden, da diese Unglück bringen (evt. In Verbindung zur Baldur Sage, wo der Sonnengott durch einen Mistelpfeil verwundet wurde?). Natürlich ist die christliche Interpretation der Trinität hier ersichtlicht, aber wer rechnen kann wird schnell auf neun, der Zahl der Göttin, kommen. Traditionell wird auch ein Teller für verstorbene Familienangehörige angerichtet. Später wurde daraus der Platz des Armen, falls ein Bettler vorbeikommt. Das Essen besteht aus sieben mageren Speisen, die an die sieben Leiden der Maria erinnern sollen. Es wird mit 13 kleinen Broten als Beilage serviert. Die sieben mageren Speisen variieren von einem Ort zum nächsten. Häufiger findet man Sellerie, Blumenkohl, Spinat, Kabeljau, Omelette, Schnecken, Muscheln, Knoblauchsuppe – aber niemals Fleisch, nur Fisch, Muscheln, Gratins, Gemüse und Suppen und Anchoiade. So richtig mager ist es demnach doch nicht. Meiner Meinung nach wird hier ebenfalls wieder die Fruchtbarkeit der Erde geehrt, indem vor allem auf ihre Erzeugnisse zurückgegriffen wird. Ich denke sogar, dass ursprünglich nur Erzeugnisse der Erde gegessen wurden und auch kein Fisch. Den kompletten Tisch des „Gros Souper“ als Omage an die Göttin zu sehen fällt mit der Symbolik nicht schwer. Sieben als eine magische Zahl, die 13 Monde auch noch als kleine Brötchen in runder Form. Um die Verbindung zur Göttin noch stärker zu betonen würde ich vorschlagen eine dunkelgrüne, rote und weiße Tischdecke zu nehmen. Die Göttin wird an diesem Tisch geehrt, die in dieser Nacht das Sonnenkind zur Welt bringen wird und die drei Kerzen repräsentieren die Hoffnung die sie in sich trägt. Durch das Essen von ihren Erzeugnissen denken wir an die Fruchtbarkeit die durch sie und die spätere Vereinigung mit ihrem Gottgeliebten wieder erneuert wird. Symbolisches Zeichen, die drei Weizenschalen.

 

Mitternachtsmesse und Pastrage

In der Mitternachtsmesse wird die Geschichte der Geburt Jesu noch einmal mit Personen während der Messe nachgespielt. Der Pfarrer trägt als Mediator Gottes das Jesuskind und legt es in die Krippe. Jeder einzelne Handwerksberuf kommt dann nach vorne und gibt dem Jesus Kind seine Gaben. Auch Schafe, Esel und Ziegen kann man im Zuge in dieser kurzen Prozession in der Kirche finden. Alles in allem aber eine schöne Idee für ein Ritualdrama. Jeder Coventeilnehmer könnte symbolisch für seine Berufsgruppe stehen und diese repräsentieren. Indem die eigenen Gaben dem Göttlichen zu Füßen gelegt werden, zeige ich, dass ein Teil meines alltäglichen Werkes auch ein Werk für das Licht, für das universelle Göttliche ist. Denn indem ich den Menschen etwas Gutes tue, diene ich auch dem Göttlichen.

 

Die 13 Desserts

Zurück von der Messe nimmt man die 13 Desserts zu sich. Sie bleiben traditionell während der nächsten drei Tage auf dem Tisch, von denen man immer wieder naschen kann. Auch diese Desserts variieren örtlich und nehmen vor allem auch lokale Spezialitäten und Erzeugnisse mit auf. Sie bestehen meist aus: Trockene Feigen, Mandeln, Rosinen, Haselnüsse, Datteln, weißer und schwarzer Nougat, Fladenbrot (la pompe), Quittenpaste, Bienenwaben, frische Früchte (Mandarinen, Orangen, Äpfel, Birnen, Trauben, Wintermelone).

 

Neujahr

Ein interessanter Brauch ist es hier ein Huhn zu essen. Dieses soll schön fett sein und dekoriert. Es wird von 12 Perlhühnern begleitet, 30 schwarzen Trüffeln und 30 Eiern. Das Huhn symbolisiert das Jahr, die Perlhühner die 12 Monate, die Trüffel und eier die 30 Tage und Nächte. Interessant ist hier, dass vor allem ein Huhn genommen wird, welches Symbol der Muttergöttin ist und Eier. Das symbolisch wichtigste ist hier wohl wieder der Bezug zur Muttergöttin und von den Zahlen her zum Jahr an sich.

 

6. Januar – Galette des Roi

Die gesamte Legende der drei Königen basiert auf den Evangelisten Matthäuse (2,1-16), der von Magiern (magoi) berichtet, die einem Stern bis zum Geburtsort Christi folgten. Historisch werden sie nicht aufrechterhalten und auch ihre symbolische Interpretation wirkt manchmal etwas holprig. Sie werden als Angehörige der medisch-persischen Priesterkaste, Astrologen, Trum-, Orakeldeuter oder Seher angesehen. Sie brachten Gold, Weihrauch und Myrrhe. Im 6.Jh. u.Z. setzen sich Caspar (Pers.: Schatzmeister), Melchior(Gottesschutz) und Balthasar (Lichtkönig) als Namen durch. Ein gnostischer Text gibt an, dass es zwölf Magi waren. Die Verbindung zum Sternenkreis welcher sich vor der Sonne verneigt zu ziehen ist jetzt nicht weit, vor allem wenn man bedenkt, dass es sich dabei auch um die 12.Nacht handelt. Wie in der Schweiz ist auch in der Provence ein Dreikönigskuchen üblich. Die Art des Kuchens variiert örtlich. Eine kleine Figur oder eine Bohne lassen sich darin finden. Der jüngste geht unter den Tisch und sagt wem welches Stück gegeben wird. Wer das spezielle Stück findet, muss den nächsten Kuchen bezahlen, oder die Getränke für alle. In der Schweiz wird man zum König gekrönt, was an die Krönung des „Spott-Königs“ bei den Saturnalien erinnert. Der schweizer Kuchen, gemacht aus einem großen runden Stück und kleinen runden drum herum erinnern mich am ehesten an die Sonne. In gewisser Weise, wird die Sonne, als das kleine Kind, noch einmal bestätigt. Jetzt, nachdem sie die ersten 12 Tage „überlebt“ hat, sind die Chancen, dass sie tatsächlich zurückkehrt stärker gegeben. Galette ist ein anderes Wort für Crêpes und die Kuchen der Provence sind davon gekennzeichnet, dass eine Crêpes sie ziehrt. Daher der Name "Crêpes der Könige". (Das Rezept für den Schweizer Dreikönigskuchen gibt es hier)

 

2. Febuar Chandelle – Licherfest.

Als Imbolg wird dieses Fest den meisten bereits ein Begriff sein. Ich möchte deshalb nur auf eine Besonderheit eingehen, die in der Provence dieses Fest mit der Wintersonnenwende verbindet und eventuell einen schönen Zusatz zu den üblichen Imbolgfeierlichkeiten darstellt. Üblich ist es hier an diesem Tag Crêpes und Navettes (kleine Boote) zu essen. Crêpes symbolisieren wiederum die Sonnenscheibe, während die Navettes meiner Meinung nach natürlich die in vielen Mythologien (Ägypten, Sumer, Scheibe von Nebra) vorkommende Sonnenbarke darstellen. In der christlichen Interpretation ist es das Boot mit dem die drei Marien kamen um die Evanglien in die Provence zu bringen. Es heißt man soll die Crêpes mit der rechten hand in der Luft wenden, während man in der linken eine Silbermünze hält. Gelingt es packt man die Münze in die Crêpes und legt sie hoch hinauf auf einem Schrank – die vom letztem Jahr schmeißt man weg. Dies soll dem Haus Reichtum bringen.

 

Fazit

Wie wir sehen, haben sich in der Provence viele Bräuche erhalten, die stark mit magischen Zahlen im Zusammenhang stehen. Als Heidin interpretiere ich viele Symboliken natürlich auf einer ganz anderen, meiner Meinung nach ursprünglicheren, Basis. Da das christliche Weihnachtsfest gezielt zu diesem Datum eingesetzt wurde und sich auch gezielt der ursprünglichen Symboliken bedienten, denke ich, dass viele Bräuche schon vorher vorhanden waren und nur einen christlichen Deckmantel erhalten haben. Für mich waren viele Bräuche der Provence ein großer Schatz lebendiges Brauchtum, den ich gefunden habe und fließend in meine naturreligiöse Praxis übernehmen konnte und den ich hier mit euch teilen wollte. Ich hoffe, dass einige dieser Bräuche auch für euch eine Bereicherung darstellen.

 Quasi eine Bestätigung des sehr möglichen heidnischen Ursprungs und interessante Parallelen finden sich in den Litauischen Bräuchen. Besonders in meiner Interpretation der Krippe (die Sonne mit den Sternzeichen) habe ich mich sehr bestätigt gefühlt.

Web-Adressen für Santons:

Marcel Carbonel

Escoffier

Didier

Richard

Fouque

Marie Noel

Claude Carbonel

Truffier

Flore

Di Landro

 

 

 

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